Markt & Meinung Kolumne
"Ich besorge Dir am besten
einen Termin bei Dr. Gree-
dy", sagte mein alter Freund.
"Wenn Du zwanzig Jahre für
denselben Laden arbeitest,
wird aus Dir in dieser Bran-
che doch nie was!"
für mich zu entwickeln. Auf
alle Fälle mußte ich mich
feuern und abfinden lassen.
"Sind Sie Alkoholiker?"
fragte er freundlich.
"Nein!" sagte ich. "Nicht
mehr als branchenüblich!"
"Das ist schade! - Ich habe
einen Kollegen, der vor 60
Jahren mit einer bedeuten-
den Dissertation über Scho-
penhauer aufgefallen ist, bei
drei bedeutenden Verlagen
unterbringen können, für
die er bedeutende Flops pro-
duzierte, und bei Auflösung
der Arbeitsverträge haben
wir mindestens jeweils eine
halbe Million erzielt! - Ha-
ben Sie wenigstens ständig
Streit mit ihren Mitarbei-
tern?"
Ich überlegte und mußte
wieder den Kopf schütteln.
"Das ist schlecht!" sagte
Greedy. "Bei Bunzelmann
hat ein Verlagsleiter den an-
deren einen Giftzwerg ge-
nannt, der andere hat den
einen darauihin als Schnie-
delwutz diffamiert, und die
Konzemleitung mußte sich
von beiden trennen!"
"Bedauerlich!" sagte ich.
"Wieso bedauerlich?" frag-
te Greedy. "Jeder derbeiden
hatte einen langfristigen
Vertrag, und weil die Kon-
zemleitung keine Arbeitsge-
richtsstreitigkeiten will ... so
um die eineinhalb Millionen
war denen der häusliche
Friede wert. - Ist Ihr Unter-
nehmen denn wenigstens
kürzlich verkauft worden?"
Wieder mußte ich be-
dauernd den Kopfschütteln.
Wer kauft schon Buch-
Markt?
"Sie sind aber wirklich ein
schwieriger Klient!" sagte
Greedy. "Wenn ein Verlag
verkauft wird, ist das für das
Management immer das Be-
ste. Die neuen Eigentümer
wollen selbstverständlich
ein neues Management, und
in diesem Falle..." (Er leckte
sich genüßlich die Lippen!)
"sind 500000 Mark Abfin-
düng mindestens drin. Wer
zweimal gefeuert und drei-
mal verkauft wurde, kann
von der Abfindung einen
eigenen Verlag gründen,
Verlagsleiter einstellen und
selber Abfindungen zahlen.
Sind Sie wenigstens unfä-
hig??"
Ich bekam einen roten
Kopf, schluckte, und sagte
dann tapfer, daß ich mir als
Autor Unfähigkeit nicht lei-
sten könne, weil ich sonst
Sozialhilfe beantragen müß-
te. Dr. Greedy lief vor Wut
rot an und seine Hände zit-
terten erregt.
"Autor sind Sie?" schrie er.
"Wie können Sie es als sol-
cher denn wagen, meine
kostbare Zeit in Anspruch
zu nehmen!" Aber als sein
Jet zur Notlandung ausroll-
te, hatte er sich schon wieder
voll unter Kontrolle.
"Sie sind doch ein vernünf-
tiger Mann", sagte er mit ge-
winnendem Lächeln. "Set-
zen Sie sich doch bei Ihren
Kollegen für niedrigere Ho-
norarsätze und beim Sorti-
ment für realistischere Ra-
batt-Staffeln ein. Sie müssen
doch unsere Situation ver-
stehen. Wenn die Autoren
und der Buchhandel den
ständig steigenden Kosten-
druck der Verlage nicht mit-
zutragen bereit sind ... - ir-
gendwo müssen doch die
Gehälter der Manager und
ihre Abfindungen schließ-
lich erwirtschaftet werden!"
Z
u den Geschäftsräu-
men, in denen Dr.
Greedy seine Klienten be-
rät, ist nur eins zu sagen: Al-
les ist vom feinsten. Schon
im Vorzimmer kümmerten
sich zwei attraktive Sekretä-
rinnen im Outfit deutscher
Nachwuchs-Yuppies um
mich. Bei Kaviar und Cham-
pagner verging die Warte-
zeit wie im Fluge. Dann wur-
de ich in Greedys Büro ge-
führt, mit dessen Größe und
Ausstattung verglichen
Schloß Linderhof nur als
kümmerliche Notunter-
kunft bezeichnet werden
kann.
Dr. Greedy stand sofort
hinter seinem Schreibtisch
auf und begrüöte mich mit
weit ausgebreiteten Armen.
"Ich freue mich, daß Sie
endlich zu mir gefunden ha-
ben", sagte er. "Wollen wir
auf meiner Hochseeyacht
miteinander reden, in mei-
nem Chalet am Mt. Blanc
oder im Jet beim Fluge auf
die Fidschi Inseln?"
"Genügt nicht das Büro?"
fragte ich überrascht.
"Keinesfalls!" sagte Dr.
Greeny. "Nicht in dieser
Branche!" Auf dem Weg
zum Privat-Flugplatz er-
zählte er von seinen letzten
Erfolgen. Vier Verlagslei-
tern hatte er innerhalb von
zwei Jahren zu sechzehn
verschiedenen Schreibti-
schen verholten, und die da-
bei erzielten Abfindungs-
summen beliefen sich auf
zweiundzwanzig Millionen.
"Kein Verlagsleiter kann in
dieser Branche von seinem
Gehalt leben", sagte Gree-
dy. "Wenn es die Abfindun-
gen nicht gäbe, wären wir al-
le längst verhungert!" Dann
versuchte er, eine Strategie
Wolfgang Körner über die
Abfindungen beim Aus-
scheiden von Verlagsleitem
Herrliche
Zeiten
oder Wie
werde ich
Millionär
Aus dem Nähkästchen eines Head Hunters
E s ist wirklich nicht leicht, einen Termin bei
einem Head Hunterzu be-
kommen, aber nach 20 Jah-
ren BuchMarkt hat man
schließlich seine Verbin-
dungen. Ich riefeinen alten
Freund an, der im Deut-
schen HochseeschifTer Ver-
lag das Gewerbe gelernt hat,
dann beim Pampers Verlag
das Kinderbuch neu defi-
nierte und jetzt gerade die
Olympia Press mit dem
Deutschen Aids Verlag fu-
sioniert.

NB. Diese Kolumne ist
eine Stellenanzeige. Der Ko-
lumnist ist bereit, seine im-
mensen Fachkenntnisse
künftig als Verlagsleiter
ohne jeden Gehaltsan-
spruch in den Dienst eines
Verlages zu stellen, sofern
ihm die branchenübliche
Abfindung zugesichert
wird.
6 BuchMarkt 2/88
"Die Irokesen- Weinachtslieder" ( BuchMarkt 9/84) Zur Startseite