Alter als soziales Konstrukt, Edinburgh, Bloggin’ in the wind sowie längere Sendepause

November 16th, 2007

Ach, diese Geburtstage! Als ob ich groß feiern würde, daß ich lt. Gregorianischem Kalender mal wieder ein Jahr älter geworden bin! Man gewöhnt sich allmählich daran, und da liebe Freunde noch immer annehmen, es gehöre sich, mich mehr oder weniger ironisch daran zu erinnern, schaltete ich den Anrufbeantworter aus und ging eine Woche in Edinburgh spazieren.

Eine großartige Stadt, über der noch immer die riesige Burg thront, und in der am Ende der berüchtigten historischen Meile der Kilt- sowie Kashmerehändler die Queen residiert, wenn sie z.B. herausfinden möchte, weshalb die Royal Bank of Scotland eigene Pound Noten nur für Scots persons drucken läßt.

Da saß ich zufrieden bei M&S, trank meinen Cappuccino und schmökerte im neusten weitgehend mißlungenen Krimi der sonst so großartigen Patricia Cornwell, als mein Handy läutete und Christian besorgt fragte, ob ich noch am Leben sei. Ich hätte schließlich seit Monaten nichts mehr für diesen blog geschrieben.

Recht hat er! Ich bekenne mich schuldig und kann als mildernden Umstand nur anführen, daß ich nach einer sehr tiefen Tiefenmeditation sowie einer Debatte mit meinem Grunz-Lama zu dem Ergebnis gelangte, daß bloggen eine weitgehend sinnlose Tätigkeit ist, die mehr oder weniger freundliche e-mails nach sich zieht, deren Beantwortung ebenso mehr oder weniger Zeit erfordert, wie eine regelmäßige Veröffentlichung in diesem, tja, so empfinde ich es inzwischen, Nullmedium, das in der ZEIT zurecht als elektronische Toilettenwand bezeichnet wurde.

Ich kann mir nicht helfen, solche Logbücher sind Auswüchse jenes übersteigerten Narzißmus, der sinnvoller in einen Roman abgeleitet werden kann. Auch wenn es in unserem Zeitalter der Buchhandelsketten durchaus nicht mehr selbstverständlich ist, für einen halbwegs anspruchsvollen Text einen Verlag zu finden.

Diese Ketten bieten nur an, was sie massenhaft verkaufen können, und da die Masse nun einmal unsäglich blöd ist, richten sich die Einkaufsmanager notgedrungen nach deren Geschmack.
\”EIn gutes Buch ist nur eins, das sich gut verkaufen läßt\”, sagte mir vor ein paar Wochen ein Verlagsmanager. Da bin ich doch glücklich, daß ich von solchen Kandelabern weder wirtschaftlich, noch auf andere Weise abhängig bin.

>/p>Trotzdem! Abgesehen davon, daß Autoren im blog jenes Kapital cent für cent verschleudern, das zwischen Buchdeckel gepreßt Lektoren, Schriftsetzer, Drucker und Buchhändler ernähren könnte, wenn sich die Autoren die Badehose anzögen und in den stinkenden main stream (=Lethe) sprängen – als Blogger fühlte ich mich zuletzt fast wie die Mutation eines Pawlow’schen Hundes, der jedesmal, wenn der Kalender es verlangte, - nein, nicht etwa Spucke, sondern einen neuen Text abzusondern hatte. Da macht es entschieden mehr Spaß, ein Jahr auf einen Roman zu wenden. Oder mit einer schönen Frau durch den winterlichen Wald zu wandern.

Schluß damit! Wer etwas anfängt, kann auch damit aufhören, und das kündige ich hiermit an, damit niemand mehr annimmt, es ginge mir nicht gut, ich läge auf dem Krankenlager, hätte meinen DSL Anschluß nicht bezahlt oder, noch schlimmer, wäre vom gefürchteten writers block befallen, d.h. der gemeinen Faulheit, die Autoren dem Vernehmen nach von Zeit zu Zeit heimsucht.

Nichts davon! Es macht mir lediglich derzeit wesentlich mehr Spaß, meinen Saft in längere Prosa (oder sonstwohin) zu spritzen als in dieses Logbuch. Ich will keinesfalls behaupten, daß ich nicht irgendwann erneut Lust dazu habe, aber derzeit kann ich nur sagen: Es gibt Wichtigeres zu tun. Legen wir es zur Seite. /p>

Über San Agustin, Kalle Gajewskys i-tunes, Reklame sowie den wunderbaren Maler Daniel Richter

Juli 15th, 2007

Zugegeben, die Existenz des Autors ist mit nicht wenig Widrigkeiten verknüpft. Wer in einem mittelgroßen Verlag veröffentlicht, muß damit rechnen, daß seine Honoraransprüche als Teil der Insolvenzmasse auf Nimmerwiedersehen verschwinden oder aber daß jenes Unternehmen, dem er ein Werk anvertraute, von einem anderen übernommen wird. Dann kann er in Gesellschaft geraten, die ihm durchaus nicht sympathisch ist.
Aber der Beruf hat auch seine Vorteile. Wenn beispielsweise ein Juni und die erste Julihälfte derart nass sind wie dieses Jahr in Deutschland, schnappt man sich das Notebook, setzt sich in ein Flugzeug und geht vier Stunden später in San Agustin am Strand spazieren.
Der Atlantik wandert wie immer in Ebbe und Flut hin und her. Er rauscht dabei zusätzlich Tag und Nacht. Die Palmen rascheln und knarzen leise im sanften Passat, der seidenweich aus Afrika herüberweht. Eindrucksvoll.
Und wer ein Hotel so oft aufsucht wie ich, bekommt sein Zimmer nicht nur mit Seeblick, sondern direkt über der den Nudisten vorbehaltenen Terrasse, wo er ständig an die Vergänglichkeit alles Fleisches erinnert wird.
Die hängenden Brüste der Semiramis, tja, das wäre ein feiner Romantitel, aber wenn ich dem Vito einen solchen Kalauer anböte, würde er mich entsetzt anblicken. Nö. Ist wohl keine so gute Idee.
Irgendwann, ich habe immerhin bereits dreißig Seiten der nächsten Permezza übersetzt, verspricht der Wetterbericht auch für Deutschland wieder zumutbares Wetter.
Ich packe das Notebook in seine Tasche, kaufe noch Zigaretten und düse zurück nach Dortmund, wo wir am nächsten Nachmittag mit Kalle Gajewsky verabredet sind.
Kalle rückt mit seinen Mikrofonen, Kabeln sowie einem Festplatten-Recorder an, und plaudert mit mir über alte Zeiten und Max von der Grün.
Ach, wie schnell das Leben abläuft. Zwei Jahre sind vergangen, seit mich Renate in San Agustin anrief, um mir traurig mitzuteilen, dass von der Grün verstorben sei. Mir kommt es vor, als wäre das erst gestern gewesen.
Einen Flug zu seiner Beerdigung bekam ich so kurzfristig nicht. So habe ich eine Kerze für ihn angezündet und bin lange am Meer entlang gewandert.
Kalle Gajewsky läßt mich von den guten (?) alten Zeiten erzählen. Ein paar Tage später stellt er unser Gespräch auf www.reviercast.de ins Internet.
Feine Originaltöne sammelt Kalle und stellt sie als i-tune zum Herunterladen auf seine website. Eine Art Chronik der Literatur aus dem Rurgebiet entsteht dort nach und nach. Jürgen Lodemann ist zu hören und Dieter Baroth. Hugo Ernst Käufer erzählt von Liselotte Rauner und vieles andere mehr.
Mich beeindruckt dieses idealistische uneigennützige Projekt des Musikers und Liedermachers. Tja, alle wirklich wichtige Arbeit wird nun einmal von Freiwilligen geleistet. Das fand bereits Abraham Lincoln heraus, kurz bevor er (von einem Freiwilligen??) erschossen wurde, nachdem er ins Theater ging, was nur in Dortmund völlig ungefährlich ist. Dort ist man im Schauspielhaus vor allen Gefahren sicher.
Übrigens, ich habe überhaupt nichts gegen Reklame. Ich freue mich über jedes Poster, von dem Heidi Klum lächelt. Ich lasse mich mit Vergnügen durch Werbung für die wunderbaren Dessous von H&M vom Straßenverkehr ablenken. Doch alles hat seine Grenzen!
Als Verona Poth former Feldbusch im Fernsehen bewies, daß sie sich gegen Alice Schwarzer hervorragend durchsetzen kann, habe ich das genossen. Ja, es ist ein dummes Vorurteil, daß attraktive Frauen meist dumm sind. Oder weniger schöne meist besonders klug.
Aber dann, ich gehe ahnungslos in die City, um im Salinas, meinem Lieblingsbistro, zu frühstücken und erschrecke. Was ist da über Nacht geschehen?
Alice Schwarzer blickt mich von riesigen Postern strafend an. Ihre tadelnden Blicke verfolgen mich durch die halbe Innenstadt. Gewiß, jede Wahrheit braucht einen mutigen, der sie ausspricht, damit er eins aufs Maul bekommt. Aber muß es ausgerechnet in BILD sein?
Irgendwann nerven die unzähligen Bilder dieser Frau mein sensibles visuelles Rezeptionsvermögen. Ich setze mir meine Sonnenbrille auf, eile zum Hauptbahnhof und der nächste ICE bringt mich nach Hamburg, wo mich Carola auf dem Bahnsteig empfängt.
Zwei Kunstausstellungen sind angesagt. Zuerst im Bucerius Kunst Forum am Rathaus Otto Dix mit seinen gesammelten Obsessionen.
Hm, diesen Maler hätte sich Alice Schwarzer mal vornehmen können, wenn er noch lebte. Ziemlich eindrucksvoll seine bösen Portraits von Damen und Herren aus der besseren Gesellschaft. Der Mann hat sehr genau hingeguckt, doch was seine Bilder betrifft, naja.
Nix als eine penetrante Vorführung der Morbidezza verfallenen Fleisches! Frau Wirtin hatte einen Sohn, der liebte nur das Nackte. Er lief in eine Metzgerei und küßte das Gehackte.
Als wir aus dem Kunstforum flüchten, kann ich endlich meine Sonnenbrille wieder abnehmen und in die Tasche stecken.
Wenig später stehe ich in der Kunsthalle vor Bildern Daniel Richters. Großformatige figurative Gemälde, die Respekt, nein, die sogar Bewunderung verdienen. Eine Ausstellung, die hilft, die beharrliche und beständige Suche eines Künstlers nach dem Lebensgefühl unserer Zeit zu erfahren.
Richter schafft das mit seiner raffinierten Auflösung von Konturen, schafft es mit psychedelischen Farben, schafft Bilder, die ich noch Stunden später, als wir beim Portugiesen im St. Georgs-Viertel speisen, so genau sehe, als stünde ich noch immer vor ihnen. Genau das schafft große Kunst.
Bis zum 5. August werden diese Arbeiten noch ausgestellt. Geheimtip: Nix wie hin.

Über Radfahrer, Manager, Viagra, Höchst-leistungen sowie den Unsinn von Dopingverboten

Mai 27th, 2007

Seien wir doch ehrlich: haben wir es nicht alle gewußt? Daß die muskulösen jungen Männer, die tagelang auf Fahrrädern durch Frankreich strampeln, um ein T-Shirt zu bekommen, nach Genuß schlechter Chemikalien fehlgesteuert sein müssen?
Wissen sie etwa nicht, daß man ein Trikot – auch ein gelbes – in jedem Sportartikelladen für ein paar Euro kaufen kann und auf dem Mitternachtsmarkt in Chiangmai sogar für ein paar Cent?
Jetzt können wir wochenlang weder eine Zeitung aufschlagen noch das Fernsehgerät einschalten, ohne mit den bitteren Tränen, nein, nicht der Petra Kant, sondern der Radfahrer und ihrer Ärzte konfrontiert zu werden, die jetzt weinen, weil sie ein Naturgesetz des Radsports außer Kraft zu setzen versuchten: Ehrlich fährt am längsten.

Aber mit der Not wächst das Rettende auch. So ärgerlich das Doping der Radfahrer ist, es lenkt von jenen Siemens-Managern ab, die nicht etwa Epo oder Testosteron spritzten, sondern, schlimmer noch, Schmiergelder auf Schwarzgeldkonten parkten und potentielle Kunden dopten, was nicht nur verboten ist, sondern ungerecht. Seit Jahren telefonieren wir nur mit Siemens Handys, weil man mit denen nicht auch noch ständig fotografieren muß, aber Schmiergeld haben wir noch nie bekommen. Nicht einmal einen kleinen Treuebonus.
Stattdessen wurde die Siemens Handyproduktion an Chinesen vergeben, und wenn mein geliebtes Siemens ME 45 hinüber ist, gibt’s es Ersatz nur noch in Taiwan oder bei Ebay.
Und jetzt sollen die Radfahrer bei der Telekom sogar in Beschäftigungsgesellschaften ausgelagert werden. Ich vermute, damit durch längere Arbeitszeiten bei geringerem Lohn die Kosten für Dopingmittel und Ärzte erwirtschaftet werden können und bessere Dividenden für Aktionäre auch.

Ich frage mich allerdings, wo Doping anfängt und weshalb es immer noch, jedenfalls in manchen Sektoren unserer immer korrupter werdenden Gesellschaft, verboten ist.
Ist es nicht schon Doping, wenn inzwischen nicht wenige durch den Streß im Beruf völlig erschöpfte Dreissigjährige Viagra oder Cialis schlucken, um jene Leistungen zu erbringen, zu denen ein wesentlich gescheiterer (=faulerer) Siebzigjähriger allein durch den Anblick des hochgeschlitzten Chongsam einer seiner Geliebten veranlaßt wird?

Ist es etwa kein Doping, wenn Millionen mit Tranquilizern gedopte Mütter ihre hyperaktiven Kinder mit jenem Ritalin füttern, das mir mein Leibarzt nicht verschreibt, auch wenn ich in seiner Praxis verzweifelt jedesmal „Lovely Rita, Ritalin…“ singe?

Inzwischen ist der Leistungsdruck offensichtlich überall so groß, daß er vielfach ohne Doping nicht mehr zu bewältigen ist. Nur unsere alten Dichter sind davor gefeit, denn die Vermutung, die Spätwerke unserer Achtzigjährigen wären ohne Doping nicht möglich, ist sichtlich unbegründet. Dafür sind diese Romane zu schlecht und werden auch nur von gleichfalls nicht gedopten Großkritikern gepriesen. Das ist weder Benzedrin, noch Captagon oder dem bewährten Nazi-Speed, dem Pervitin anzulasten. Hunter S. Thompson schrieb eindeutig besser.

– Halt, da blickt mir Christine über die Schulter und fragt vorsichtig, ob jener Alkohol, den die meisten meiner Kollegen literweise trinken, weil sie nüchtern nicht schreiben können, nicht gleichfalls eine Rauschdroge sei, allerdings eine hierzulande nicht verbotene?

Eine sehr berechtigte Frage, auf die es nur eine richtige Antwort gibt: Wenn von immer mehr Menschen Anstrengungen gefordert werden, die sie ohne Dopingmittel nicht erbringen können, wäre es konsequent, deren Gebrauch all jenen zu gestatten, die zu blöd sind, sich diesem Leistungsdruck zu entziehen. Verhungern würden sie gewiß nicht, wenn sie das wagten. In unserem Lande wurden sogar schon Leute zwangsernährt, die überhaupt nichts essen wollten.

Nachtrag: Und was Radrennfahrer betrifft, so gehören endlich auch die erfolgreichsten Dopingdoktoren neben den Siegern auf das Podest. Ehre, wem Ehre gebührt!

Über Fußball, einen Sprunggelenkbruch, das Dortmunder Klinikum Nord sowie die Leserrezensionen der Internetbuchhändler

Mai 13th, 2007

Einmal mehr haben wir einen jener Samstage überlebt, an denen Fußballfans in Dortmund Angst und Schrecken verbreiten. Bereits am Vormittag zog Deutschlands Zukunft gröhlend durch die Innenstadt, nachdem ein Teil der Fans schon während der Anreise in den Regionalzügen im Ruhrgebiet gesoffen, randaliert sowie unerträglichen Lärm abgesondert hatte.
Die Traditionsgegner Schalke 04 und Borussia Dortmund trafen aufeinander. Wie an jedem dieser schrecklichen Fußball- Samstage, an denen die Unterschicht die Stadt erobert, hatte die Polizei alle Hände voll zu tun. Sie begrüßte auswärtige Fans schon am Hauptbahnhof, war in der City und der Umgebung des Stadions “Verbrannte Erde” mit vielen grünen Autos unterwegs und hielt die Fans der beiden Mannschaften auseinander, soweit das möglich ist.
Wer nicht unbedingt am Samstag in eine der Einkaufsstraßen muß, um dringend eine Tasse zu kaufen, weil er nicht mehr alle im Schrank hat, bleibt an solchen Tagen zuhause.
Die Umsatzeinbußen der Einzelhändler sind ebenso exorbitant, wie die Kosten des Polzeieinsatzes, und da Borussia zu allem Unglück auch noch gewonnen hat, soffen und gröhlten die Fanatiker bis spät in die Nacht.
Wäre es nicht eine erhebliche Verbesserung der Lebensqualität, diese biertrinkenden Randalierer vor jedem Spiel ihres Vereins ähnlich in Vorsorgehaft zu nehmen, wie das jetzt für Globalisierungskritiker vorgesehen ist?

Über derlei ärgert man sich allerdings kaum noch, wenn man mit den Zuständen in manchen deutschen Krankenhäusern konfrontiert wird. Beispielsweise wenn meine Freundin Sibylle auf einer Treppenstufe ausrutscht, weil eine Putzfrau dort ihre Arbeit schlampig verrichtete. Facit: Sibylle muß mit dem Rettungswagen ins Klinikum Nord gebracht werden. Der Bruch ihres Spunggelenks wird mit Gipsverband ruhig gestellt. Ein paar Tage später sind die Schwellungen soweit zurückgegangen, daß sie operiert werden kann. Das geschieht nach besten schulmedizinischem Wissen und Können. Ein Stück Metall wird eingebaut. Die Wunde wird ordnungsgemäß versorgt.
Alles verläuft planmäßig. Nur am Morgen nach der Operation ruft mich die Freundin an und fragt, ob ihr Fuß wieder so angeschwollen sein darf wie nach dem Unfall und ob ein Drainageschlauch, der aus der Wunde ragt, verschlossen sein muß. Muß er keineswegs, doch erst als es die Patientin wagt, darum zu bitten, wird er geöffnet.
Ein paar Tage später bekommt sie als Abschiedsgeschenk von der Klinik zwei Krücken und einige Heparinspritzen. Wer ruhiggestellt ist und sich kaum bewegen kann, hat ein erhebliches Risiko, eine Embolie zu erleiden. Dagegen sorgt Heparin vor. Schulmedizinisch korrekt.
Wiederum wenige Tage später läßt sich die Patientin, wieder mit dem Rettungswagen, zurück in die Notaufnahme des Klinikums bringen, wo sie operiert wurde. Erhebliche Schmerzen im Thorax, sagt sie dem Aufnahmearzt. Jeder Atemzug bereite höllischen Schmerz.
Der Arzt, ein Chirurg, läßt sie röntgen – und weist sie ab. „Ihnen fehlt nichts“, verkündet er. „Ich nehme Sie hier nicht auf. Gehen Sie wieder nachhause.“
Ach, der Zufall! Die Patientin hat riesiges Glück. Ein anderer, offensichtlich ein fähigerer Arzt veranlaßt eine weitere Untersuchung – und läßt sie sofort in die Intensivstation einliefern. Seine Diagnose: eine Lungenembolie. Mehr als 25% der Lungenembolien endet mit dem Tode.
Sibylle hat großes Glück gehabt: Ein Arzt hat ihr das Leben gerettet - und einem Kollegen, der eine Patientin mit frischer Lungenembolie abwies, die Strafanzeige wegen unterlassener Hilfeleistung erspart. Schulmedizinisch korrekt. Entschuldigt hat sich der Arzt, dessen Pfusch eine Patientin um ein Haar unter die Erde brachte, bei ihr keinesfalls.br />
Facit: Auch Ärzte können sich irren, aber solche Doktoren gehören, jedenfalls in einer guten Klinik, nicht in deren Notfallaufnahme. Abgesehen davon: Ich habe es schon immer für besser gehalten, vor einem deutschen Krankenhaus vom Auto überfahren als dort operiert zu werden. Nur eine Folge der Gesundheitsreform? Oder der Umwandlung von Krankenhäusern in Gesellschaften mit höchst beschränkter Haftung, die Gewinne erwirtschaften sollen und ihre Mitarbeiter für immer mehr Arbeit immer schlechter bezahlen? Ich weiß es nicht.

Ich weiß aber jetzt endlich, was von den Leser-Rezensionen zu halten ist, die Versandbuchhändler, z.B. Amazon, anonym im Internet veröffentlichen. Das verdanke ich einem Autor, den ich hier Horst nenne, weil ich ihn nicht noch mehr beschädigen möchte.
„Du mußt mir unbedingt helfen“, sagt Horst am Telefon. „Du hast meinen Roman doch gelesen und gesagt, daß er Dir gefalle. Bitte rezensiere ihn und gib ihm bei Amazon fünf Punkte.“
„Und weshalb?“ frage ich.
„Weil das Buch sonst ein Opfer von Frauenpower wird. Du weißt doch, daß ich mich vor einem halben Jahr von Elke getrennt habe.“
„Na und?“ frage ich. „Wir leben in einem verhältnismäßig freien Land.“
„Und ob. Aber Elke rächt sich auf fürchterliche Weise an mir. Die ersten beiden Leserrezensionen waren vorzüglich. Jeweils fünf Sterne. Aber inzwischen… Sechs weitere Rezensionen, und jede ein Verriß. Jeweils nur ein oder zwei Sterne.
Für den Versandbuchhandel ist der Roman so tot wie der Schlachthof von Chicago. Und ich weiß, wie das passiert ist. Elke hat viele Freundinnen, und jetzt semmelt mir eine nach der anderen einen Verriß ins Internet. Das wird dort völlig anonym veröffentlicht.“
„Kein Problem“, sagte ich. „Ich schreibe sofort eine Hymne auf Deinen Roman, und stelle sie bei Amazon, BOL und anderen großen Internetbuchhändlern ins Netz. Danach rufe ich acht Freunde an, die das auch machen werden. In solchen Situationen hilft nur Männerpower. Selbstverständlich völlig anonym.“

Über Demonstrationen, ein verdächtiges T-Shirt sowie Sabine Deitmers Roman „Perfekte Pläne”

Mai 6th, 2007

Schon am sehr frühen Morgen des 1.Mai wurde ich durch häßliche Geräusche aus dem Schlaf gerissen. Sechs Polizisten waren damit beschäftigt, nein, die Straßenbaumaßnahme vor unserem Haus nicht etwa endlich zu beenden, sondern sie sammelten sämtliche Pflastersteine ein und transportierten sie ab.
Der Anlaß für diese vorsorgliche Maßnahme zur Gefahrenabwehr war uns bekannt. Die Freunde und Helfer in grün hatten rechtzeitig durch Handzettel darauf hingewiesen, daß sich Neonazis und Neosozialisten aus ganz Deutschland in Dortmund treffen wollen, um den Tag der Arbeit in der Stadt der Arbeitslosen auf ihre Weise zu feiern. Das geschah dann auch.
Als High Noon, allerdings ohne Gary Cooper, immer näher rückte, zogen zwanzig Minuten lang meist schwarz gekleidete junge Leute friedlich an unserem Haus vorbei. Sorgfältig beschützt und bewacht von den Polizisten, die gleichfalls aus dem ganzen Lande angereist waren. Deswegen beendeten wir allerdings keineswegs unsere privaten Orson Welles Festspiele.
Wir sahen uns „Citizen Kane“ an. Wir bewunderten “Gregory Arkadin”, inzwischen wohl das übertroffene Vorbilld der Hedgefonds-Manager in aller Welt. Wir erinnerten uns mit der „Lady of Shanghai“ an eine Zeit, zu der in Amerika die Polizei schon eingriff, wenn sich zwei Unverehelichte in der Öffentlichkeit auch nur küßten.
„Schade, daß es sowas nur noch in Indien und Saudi-Arabien gibt“, seufzte Karin. „Hierzulande könnten wir in jeder Grünanlage an der Bevölkerungsstatistik arbeiten, doch seit das nicht mehr verboten ist, ist Sex langweilig geworden. Kinder werden wohl nur noch in der Unterschicht hergestellt.“
Das ist gewißlich wahr! Auch wir wanderten lieber noch mit Harry Lime durch das schon 1945 erheblich zerstörte Wien, als lüstern übereinander herzufallen.
Wir genossen noch den großartigen Film „2046“ von Wong Kar Wai, dann fuhren immer mehr grün lackierte Autos am Haus vorbei. Ich griff nach dem Fotoapparat, eilte zum Denkmal Kaiser Wilhelms, der in einer kleinen Gründanlage sonst nur auf einige Alkoholiker aufpaßt. Jetzt randalierten dort schwarz gekleidete junge Menschen, warfen Fahrräder und Mülltonnen um und zündeten kleine Maifeuer auf der Straße an, die von Feuerwehrmännern allerdings schnell gelöscht wurden.
Die Polizei arbeitete, wie stets bei solchen Anlässen, vorzüglich. Das Duett der Nazis mit den Autonomen geriet keinen Augenblick außer Kontrolle. Sogar mein wunderschönes schwarzes Black Beard’s T-Shirt mit einem großen Totenkopf und dem Aufdruck „We steal only the finest Ingredients“ auf der Brust (wollte Iris mit diesem Geschenk auf meine Übersetzungen hinweisen?) geriet nur zweimal in Gefahr, festgenommen zu werden.
Ach, wie schön wäre es, wenn die Mitarbeiter unserer Buchverlage mit derselben Sorgfalt und Begeisterung arbeiteten!br />
Da hat Sabine Deitmer, die mit ihrem „Bye bye Bruno“ den deutschen, leicht feministisch gewürzten Frauenkrimi erfand, für den Wolfgang Krüger Verlag ein wunderbares Manuskript geschrieben.
„Perfekte Pläne“ heißt der Roman, in dem sie das Elend des Alters mit einem Mord verknüpft. Hat der Verlag an diesem Buch ein weiteres Verbrechen begangen?
Für den Schutzumschlag jedenfalls wurde dasselbe Motiv verwendet, das schon Deitmers „Scharfe Stiche“ zierte: ein Messer mit einem Blutstropfen.
Wollte man damit andeuten, daß man die Autorin töten wollte oder sparte man an ihrem Roman nur, weil der Etat Werbung und Öffentlichkeitsarbeit durch den Großeinsatz für den gerade angesagten amerikanischen Bestseller „Die alltägliche Physik der Unglücks“ von der sehr schönen Marisha Pessl verbraucht war?
Nicht einmal Sabines Auszeichnung mit einem bedeutenden deutschen Krimipreis wurde von Verlag für Werbemaßnahmen genutzt. Das übliche Schicksal von midlist-Titeln.
Was von einem Verlag zwar verlegt, aber nicht durch ein Mindestmaß an Werbung unterstützt wird, fällt – Ausnahmen bestätigen die Regel – durch den Rost.
„Ein Verlag kann den Erfolg eines Buches zwar nicht herstellen“, sagte mir mal der legendäre Econ Verleger Erwin Barth von Wehrenalp. „Aber er kann ihn sehr wohl verhindern.“
Recht hat der Mann! Ich frage mich nur, weshalb unsere Verlage Titel veröffentlichen, die sie nicht lieben, unterstützen und auf dem Markt durchsetzen wollen.
Wäre es nicht wirtschaftlich sinnvoller, ihre Haifische, die geplanten Bestseller, ohne begleitende Pilotfische in den Markt zu drücken? - Zugegeben, die Programmvorschauen wären dann ziemlich dünn. Aber sie wären wenigstens ehrlich.

Nachtrag: Als die privaten Fernsehsender der Türkei über die Demonstrationen gegen die Wahl eines AKP Fundamentalisten berichteten, wurde in Teilen der Türkei der elektrische Strom abgeschaltet, damit die Ost-Anatolier nicht sehen konnte, was in Istanbul los war. Da sind unsere Fernsehanstalten doch entschieden moderner. Sie berichten über derlei kaum oder gar nicht.

Über Forensiker, den Fernheiler Wilhelm Elges sowie einen Bestseller von Jeff Abbott

April 30th, 2007

Von wegen bloggin’ in the wind! – Kaum habe ich das schockierende Liebesabenteuer ins Internet gestellt, bekomme ich die erste e-mail, mit der ich gefragt werde, ob ich eine solche Lügengeschichte tatsächlich für möglich halte. Halte ich nicht und habe auch meine Zweifel deutlich angemerkt.
Ich bezweifle auch, daß eine weiße amerikanische Ehefrau, die ausschließlich mit ihrem weißen amerikanischen Ehemann den einzig wahren Orgasmus suchte, ein schwarz /weiß kariertes Baby auf die Welt brachte, weil eine weiße Prostituierte, von der sich der weiße amerikanische Ehemann auf dem Heimweg vom Büro beglücken ließ, es zuvor mit einem farbigen Kunden getrieben hatte.
Hätte ich nur nicht wenig später eine weitere e-mail bekommen, in der mir ein Mikrobiologe mitteilte, daß es nicht auszuschließen sei, daß die Gynäkologin der jungen Schönen in einer Bakterienkultur Erreger entdeckt hätte, die am Fundort nichts zu suchen hätten.
Schließlich verständigten Krankenhäuser die Polizei auch, wenn sie bei der Untersuchung des Blutes eines Patienten deutliche Hinweise auf den Genuß (?) von Rauschdrogen fänden. Dafür habe das Labor seines Krankenhauses sogar extra das Laborkit für einen Schnelltest auf Rauschdrogen angeschafft.
Nun mag ich Große Koalitionen in der Wissenschaft ebenso wenig wie in der Politik. Ich bitte meine Freundin Jutta, eine weitere Gynäkologin zu befragen, deren Urteil vernichtend ist. Bullshit. Ganz und gar unmöglich. Das Mädel hat eine zu lebhafte Phantasie.
Ach, wenn nur Christa, eine höchst vorsichtige Internistin, nicht einen Tag später der Ansicht des Mikrobiologen behutsam zugestimmt hätte. „Für möglich halte ich grundsätzlich alles. Es gibt Bakterien, die den Körper eines Toten zersetzen. In einer gesunden Frau findet man sie nicht. Aber ob diese Geschichte eine Ausgeburt der Phantasie ist oder nicht, wird letztlich nur ein Forensiker entscheiden können.“
Da kann ich nur hoffen, daß einer von ihnen diesen Blog liest und meine Zweifel beseitigt.

Überhaupt, meine Zweifel! Auch wenn es so erscheint, daß die Massenmedien in jeden Winkel leuchten – es gibt noch Informationen, die hinter vorgehaltener Hand von Mund zu Mund transportiert werden.
„Vielleicht kann dir Wilhelm helfen“, sagte mir eine Bekannte mit dem schönen Namen Birgit. „Mir hat er geholfen, als mir mein Liebster das Zaumzeug zu fest angelegt und meinen Kopf zu hart nach hinten gerissen hat. Der Orthopäde kam nicht weiter.“
Nun lasse ich mir zwar von niemandem Zaumzeug anlegen, aber eine Kiste Wein schleppe ich schon gelegentlich die Treppen zu meiner Wohnung hoch. Das mag meine linke Schulter offenbar nicht, aber Wilhelm – nun ja, er legte seine Hand auf die Schulter. Sie wurde warm. Der Schmerz verschwand.
Skeptisch, wie ich meistens bin, fragte ich, wie er das macht, doch auf solche Fragen antwortet er nur zögernd. Nach einem schweren Verkehrsunfall habe er bemerkt, daß er oft heilen und helfen kann, sagt er. Das funktioniere sogar, wenn er sich auf das Leiden eines ihm bekannten Kranken nur konzentriere. Dann übertrügen sich dessen Symptome auf ihn und verschwänden schließlich.
Regt er Selbstheilungskräfte an? Ist der bescheidene, um die 60 Jahre alte Wilhelm Elges aus Dortmund-Benninghofen ein wanderndes Placebo? – Keine Ahnung. Eine junge Frau versicherte mir jedenfalls glaubhaft, daß sich ihr Reizdarm unter seinem Einfluß inzwischen weitgehend reizlos verhält. Immerhin etwas. Diesen Mann mit den magischen Händen habe ich keinesfalls erfunden. Er hat die Fernsprechnummer 0171-2642997, und ich werde ihn jetzt anrufen und fragen, ob er seine Energien auch auf mein Bankkonto lenken kann, das wegen meiner vielen Reisen an chronischer Anorexia leidet.

Die Bankkonten des texanischen Thrillerautors Jeff Abbott dürften dagegen in Gefahr sein, wegen Adipositas zu platzen. Der Mann schafft es, einen internationalen Bestseller nach dem anderen zu produzieren. Er wurde für zahlreiche Mystery Preise nominiert und für seinen ersten Roman doppelt ausgezeichnet.
Der mit Literaturpreisen hierzulande meist verbundene Fluch „Je preiser gekrönt, je durcher gefallen“ kann seinen Romanen offenbar nichts anhaben. Was er schreibt, wird massenhaft gekauft. Irgendwann werde ich so neugierig, daß ich „Panic“ lese. Gesamturteil meiner persönlichen Stiftung Krimitest: Hervorragende Verwirklichung amerikanischer Krimi-Dramaturgie für pageturner.
Sie erfordert als Exposition einen starken Effekt. In „Panic“ wird ein Dokumentarfilmer von seiner Mutter aufgefordert, sie sofort zu besuchen. Das macht er. Als er in ihr Haus tritt, ist sie ermordet, und auch ihm trachten die Mörder nach dem Leben.
Ein so muskulöser wie mysteriöser Mann rettet ihn, und danach entwickelt sich ein in rasend schnellem pacing erzählter plot, in dem selbstverständlich eine verführerische Frau nicht fehlen darf sowie eine Menge unerwarteter und unglaubwürdiger Ereignisse.
Zwei Handlungsstränge. 50 Szenen auf 400 Seiten, wobei jede Szene suspense für einen cliffhanger aufbaut, der am Anfang jeder übernächsten Szene aufgelöst wird, um den nächsten cliffhanger vorzubereiten. Das kann Jeff Abbott fast so gut wie Dan Brown, der allerdings, deshalb mag ich ihn, zusätzlich das kulturgeschichtliche Wissen seiner Gattin einzuarbeiten versteht. Jeff Abbott verzichtet auf Leonardo, Maria Magdalena sowie auf Beschreibung von (ziemlich simplen) Verschlüsselungstechniken. Er vertraut auf mit nahezu mathematischer Genauigkeit errechnete plotlines und läßt in einem Roman nahezu so viel Munition verballern wie die ganze US Army im Irak jedes Jahr verbraucht.
Das mögen viele Leser offensichtlich, besonders in den USA, wo jede Buchseite nach der Lektüre sofort abgerissen wird und dort landet, wo sie hingehört: im Papierkorb.
Zweifellos, mit dieser Methode läßt sich sehr viel Geld verdienen. Aber bevor mir endlich jemand verrät, wie man sein Guthaben auf dem Konto einer irdischen Bank ins Jenseits überweisen lassen kann, werde ich mit Vergnügen darauf verzichten. So spannend solche Thriller sind, ihre Handlungsstränge auszurechnen und auszuarbeiten erscheint mir leider als: sehr langweilig.

Über Chiaras Guzzi, Andrea M. Schenkels “Tannöd”, Plagiate sowie eine Kriminalstory aus dem Volksvermögen

April 21st, 2007

Alle Systeme arbeiten verläßlich. Die cornetti aus der italienischen Großbäckerei Cerbiatto munden mir wie stets vorzüglich. Wie schaffen es die baristi Italiens eingentlich, einen hervorragenden cappuccino für höchstens einen Euro zu verkaufen, während ich für eine niemals ganz volle Tasse kaum genießbarer Brühe in Deutschland weit mehr als zwei Euro zahlen muß?
Das allein wäre ein Grund, meine Notunterkunft in Deutschland zu kündigen und nach Rom umzuziehen, wäre dort der Straßenverkehr nicht so chaotisch, daß sogar Bankangestellte in dunkelblauem Versaceanzug, blendend weißem Oberhemd und Krawatte ihre bella figura mit einem Motorradschutzhelm krönen, bevor sie morgens auf ihrer Vespa zum Büro fahren, wenn sie dort halbwegs pünktlich ankommen wollen.
Chiara wirkt auf mich wie Lara Croft, als ich mich auf den Soziussitz ihrer Guzzi setze. Sie brettert los, schlängelt sich (und leider auch mich) in wildem Zickzack zwischen den in Rom grundsätzlich im Stau stehenden Autos durch.
Automatisch fange ich an, jenes Mantra zu rezitieren, das mir mein Grundlama für solche das Leben gefährdenden Situationen beigebracht hat.
Wie damals in Bad Reichenhall, als mich Renate überredete, auf einem schwankenden, an einem Drahtseil hängenden Klappstühlchen, nur durch einen dünnen Kleiderbügel vor dem Bauch vor dem Absturz geschützt, hinter ihr über tiefe Abgründe hinauf zum Predigtstuhl zu fahren. Nie wieder werde ich mit so einem Sessellift fahren, auch wenn die Veröffentlichung von Büchern ähnlich gefährlich ist.

Da hat sich eine Mutter in der schönen Pfalz hingesetzt und einen schlichten Kriminalroman geschrieben. Sie verfügt offenbar über ein Mantra, das die Kritik auf ihr Werk aufmerksam werden läßt. Und ein Wunder geschieht!
Obwohl „Tannöd“, semi-dokumentarisch und multi-perspektivisch angelegt, von einem kleinen Verlag veröffentlicht wurde, erhält Frau Schenkel Krimipreise. Elke Heidenreich lobt und preist den Roman, was mich immer mißtrauisch stimmt.
Was Frau Heidenreich empfiehlt, erscheint mir, nun ja, meistens als biederer mainstream, als Hausfrauenliteratur, auch wenn deren Autoren oft berühmte Frauen oder Männer sind.
Sorry, aber was Frau Heidenreich gefallen hat, lese ich nur im Notfall. Zum Beispiel, wenn sich eine Krimiautorin plötzlich gegen den Plagiatsvorwurf eines Sachbuchautors wehren muß, der denselben mehrfachen Mord vor ihrer Veröffentlichung in zwei Sachbüchern aufbereitete, von dem sie in ihrem Roman erzählt. Grund genug, sich durch alle drei Bücher zu quälen und sich zu einem schwebenden Verfahren zu äußern.
Das Ergebnis meiner quälenden, jedoch gründlichen Lektüre aller drei Werke: Bullshit!
Ja, in einigen wenigen Passagen mutmaßt und vermutet Frau Schenkel ähnlich, wie Peter Leuschner vermutete. Ich wäre, lediglich auf Grund der Fakten, zu ähnlichen Psychogrammen gelangt. Die erheblich unterbelichteten Bewohner vergessener Dörfer in Ober- oder Niederbayern, Ober- und Unterfranken oder meinetwegen auch der Pfalz sind so und denken so. Das wissen wir, spätestens seit Martin Sperr und Franz Xaver Kroetz.
Das Leben ist, auch wenn es vorzeitig unter einer Spitzhacke endet, nun einmal urheberrechtlich nicht geschützt.
Hat Goethe Marlowe und dazu noch ein uraltes Volksbuch aus dem Jahre 1587 plagiiert, als er Faust schrieb? Wurde er danach, sozusagen als karmische Vergeltung, von Paul Valèry und zahllosen anderen plagiiert? - Bullshit!

Die besten Stories liefert nun mal das Leben. Es kommt nur darauf an, was man daraus macht!
Meine Freundin Christine erzählte mir, was eine Freundin einer Freundin erlebt hat. Oder erlebt haben soll. Oder erfunden hat: einen wunderbaren plot!
Da lernt ein Mädel aus dem Ruhrgebiet in einem chatroom einen jungen Mann aus München kennen. Beide gehen in private chats. Beide tauschen Fotos aus. Beide gefallen sich immer besser. Klar, daß da Begierde aufkommt. Schließlich verabreden sie sich.
Die junge Schöne will ihn in der Weltstadt mit Herz besuchen, aber ach, schon auf dem Wege zur Autobahnauffahrt gibt der Motor ihres KIA den Geist auf.
„Kein Problem“, e-mailt er. „Dann setze ich mich in meinen Daimler und komme zu Dir.“ Das geschieht, und jetzt springe ich über zwei Tage, damit dieser blog nicht pornös wird.
Drei Tage später empfindet das Mädel jene Störung des weiblichen Wohlbefindens, die meine Schweizer Freundin Jutta vor langer Zeit stets „Besuch vom Weißfluss-Fränkli“ zu nennen pflegte.
Also steht ein Besuch bei der Gynäkologin an. Die ist wider Erwarten gründlich. Sie verschreibt nicht nur Antibiotika, sondern schickt einen Abstrich in ein Histologisches Laboratorium.
Zwei Tage später geht es dem verliebten Mädel schon wesentlich besser, als es einen Anruf der Gynäkologin bekommt. Es solle unverzüglich deren Praxis aufsuchen. AIDS, denkt das Mädel erschrocken, aber da irrt es sich.
Zwei Kriminalbeamte warten in der Arztpraxis auf die schon weniger verliebte Schönheit, und verkünden ihr auf dem Revier, daß in ihrem Abstrich Zellgewebe einer Toten gefunden wurde.
Entweder hätte sie mit einem Leichenschänder übernachtet oder, schlimmer noch, mit einem Mörder, der sich nach der Tat an seinem Opfer vergangen habe. Zögernd rückt das Mädel die Anschrift ihres nun überhaupt nicht mehr geliebten Partners heraus, in dessen Wohnung die Münchener Polizei Teile des Körpers einer toten Frau findet.
Als ein Kriminalbeamter der jungen Frau später mitteilt, sie habe Glück gehabt und wäre wohl das nächste Opfer gewesen, wenn sie nach München gefahren wäre, dreht die Schönheit durch und muß in die Psychiatrie gebracht werden.
Erfinden unsere jungen Frauen inzwischen solche Geschichten? Regen Fernsehserien wie CSI New York oder Criminal Intent die Phantasie von nabelfreien Jeansträgerinnen an? Oder hat die Freundin der Freundin Christines diese Geschichte irgendwo gelesen und modifiziert?
Renate meint, ich solle einen Roman daraus machen. Serienmörder und Internet, das müsse ein Bestseller werden. Vielleicht gar keine schlechte Idee. Dann wirft mir in einem Jahr vermutlich ein Mörder vor, ich hätte das Urheberrecht an seiner Leiche verletzt, und mein hervorragender Rechtsanwalt könnte endlich einmal richtig viel Geld verdienen, weil jemand welches von mir will. Wie von Dan Brown, Frank Schätzing und jetzt, nun ja, Andrea M. Schenkel. Willkommen im Club.

Über das Krimijahrbuch 2007, meinen Backenzahn und einen Alten Mann ohne Meer

April 15th, 2007

Alle Systeme arbeiten normal. Auch ein Backenzahn, der eine Füllung verlangte und bekam. Da mein Zahnarzt, wohl in Folge der Gesundheitspolitik hierzulande, am Blaupapier spart, mit
dessen Hilfe man den Biß nach zahnärztlichen Handungen prüfte, gerieten Oberkiefer und Unterkiefer in einen jener Konflikte, die ich sonst nur im Spiegel Online Forum beobachte.
Das nervte, aber ein Zahnarzt in Nürnberg brachte das schnell in Ordnung.
Wenigstens die ICE’s und IC’s sind noch halbwegs pünktlich. Ich wundere mich nur, daß es auf den feinen Bildschirmen auf der Rückseite der Sitze noch immer kein Fernsehprogramm gibt. Bereitet Herr Mehdorn auf diese Weise den Börsengang des Unternehmens vor?
Aber bekanntlich sind mit vielen Nachteilen wenigstens einige Vorteile verbunden. So konnte ich in Ruhe das Krimijahrbuch 2007 aus dem Nordpark Verlag studieren, das wieder voll und ganz gelungen ist.
Ja, es gibt inzwischen eine ernst zu nehmende Kritik im Genre.
Thomas Wörtche ist längst zu einer Art Krimi-Ranicki geworden. Thomas Przybilka (gut, daß ich nicht im Hörfunk blogge!) und Axel Bußmer gefallen mir viel besser als Helmuth Karaseck. Pieke Biermann langweilt sowieso nie. So prägnant und direkt wünsche ich mir oft die Sigrid Löffler, die für meinen Geschmack manchmal mit zu dicken Samthandschuhen rezensiert.
Als meine Zähne wieder so bissen, wie es Literaturkritik sollte, reiste ich weiter in die alte Wagnerstadt Bayreuth.
Die Festspiele,für die man mir - wohl vorsichtshalber - nie eine Eintrittskarte gewährt, hatten zwar noch nicht begonnen, aber der Achtundneunzigjährige, den ich besuchen wollte, erwartete mich bereits an der Pforte des Pflegeheims, in dem er seit zwei Jahren lebt.
Von wegen „Gebresten des Alters“! Keine Spur davon!
Auf den Treppen zur zweiten Etage war der ehemalige Laborchemiker schneller als ich. Alles eine Frage der Genetik? Durchaus nicht.
Ich bin zur Zeit auf der Suche nach den Geheimnissen ewiger – nein, besser der bis in ein hohes Lebensalter bewahrten Vitalität. Jeder der vital gebliebenen Greise verfügt über ein anderes Rezept.
Wilhelm in Bayreuth läßt von seinem Arzt alle drei Monate sämtliche Laborwerte überprüfen und greift sofort ein, sobald sich ein Wert verändert hat. Ansonsten: jeden Morgen Gymnastik, bei der er unter anderem wie ein Klapperstorch abwechselnd nur
auf dem rechten oder linken Bein steht, um die beiden Hälften seines Gehirns zu synchronisieren. Sagt er jedenfalls.
Ich erkundige mich vorsichtig, weshalb dieser vitale Mann, der durchaus für sich sorgen könnte, in ein Pflegeheim umgezogen ist, und da deutet er lächelnd auf einen roten Alarmknopf neben seinem Bett. „Falls mir etwas zustoßen sollte, möchte ich sofort um Hilfe bitten können“, sagt er. Er habe diesen Knopf bereits mehrfach „versehentlich“ berührt. Jedesmal sei danach wenig später ein Pfleger in sein Zimmer gekommen.
Überflüssig es zu erwähnen: er wird jedes Jahr in den Heimbeirat gewählt. Er verwaltet die Bibliothek des Seniorenheims. Und wenn einer der jungen Achtzigjährigen krank wird, unterhält er sich mit ihm und berichtigt oft die Diagnose eines Arztes.
„Alter“, so sagt er, als ich meinen Recorder ausschalte, „wird hierzulande weitgehend sozial definiert. Ich habe mich nie darum gekümmert, was ein Mensch in meinem Alter angeblich nicht kann oder darf. Wenn ich an der Ostfront den russischen Zivilisten nicht Sulfonamid und Verbandsmaterial zugesteckt hätte, über das ich als Sanitäter verfügte, hätte ich den Krieg vermutlich nicht überlebt. Sowas war zwar verboten, aber auf mein Leben haben sogar die Partisanen geachtet.“
Offenbar ist der Mensch weit mehr Herr seines Schicksals, als ich zuvor vermutet hatte, denke ich, während mich das Taxi zum Bahnhof zurückbringt.
Inzwischen ist es in Dortmund so heiß, daß ich wieder nach Rom fliegen werde. Dort verkünden die Thermometer nur lächerliche zwanzig Grad Celsius. Und falls es so heiß wie hierzulande werden sollte: ich möchte seit langem herausfinden, wie lange mich die italienische Polizei im Trevibrunnen baden läßt.

Nachtrag: Peter Conrad hat herausgefunden, was das Wort “Rosebud” bedeutet, das mit dem Schlitten des Magnaten im Film “Citizen Kane” verbrennt. Es war der Kosename, mit dem Medienzar Randolph Hearst den Eingang des Gebärkanals seiner Geliebten bezeichnete. Und das ist uns Cineasten fünfundsechzig Jahre nicht bekannt gewesen.

Über Hartz IV, Bettler in den Innenstädten, Buchandlungen in Dublin, den neuen Krimi von Patricia Cornwell sowie die Unvernunft deutscher Buchverleger

März 31st, 2007

Zuerst die schlechte Nachricht: die nach einem sinnenfrohen VW- Vorstand benannte Reduzierung deutscher Sozialleistungen funktioniert. Die gute Nachricht: die Betroffenen werden kreativ und reformieren die alte Kunst des Bettelns.
Zugegeben, das einfallslose Bettlerproletariat bettelt noch immer mit Methoden aus der frühen Steinzeit. Dessen Angehörige wandern durch die Städte, halten den Passanten ihren Pappbecher unter die Nase und bitten um Kleingeld. Doch diese Technik stirbt allmählich aus.
Der moderne Bettler ist stationär. Er setzt sich in einer Einkaufsstraße auf das Pflaster. In noch katholisch geprägten Gegenden hat er oder sie einen Papp- oder Blechkasten vor sich stehen, in dem das Bild einer Madonna oder eines Heiligen still zu milden Gaben auffordert.
Muslime sind hier im Nachteil. In ihrer Religion gibt es keine Heiligen. Bilder von ihnen schon gar nicht. Muslime knien auf dem Pflaster, haben einen Pappbecher vor sich stehen und recken dem Passanten ihre bittend aufeinander gelegten Hände entgegen.
Die bosnische Methode des einzig wahren Kniefalls - Kopf Richtung Saudi-Arabien, das Gesäß hoch zum Himmel gestreckt - wird nur noch selten angewendet. Sie schädigt auf Dauer die Gelenke.
Am erfolgreichsten sind derzeit Jugendliche, die eine Decke auf dem Pflaster ausbreiten, sich darauf aber nicht allein niederlassen, sondern mit einer Hündin und deren Welpen.
Die meisten Leute lieben Hunde nun einmal entschieden mehr als Menschen. Auch ich verteile hier die meisten Almosen.
Von meiner Gewohnheit, diesen Bettlern Hundefutter aus dem Supermarkt zu schenken, mußte ich leider abkommen, nachdem mich eine Witwenrentnerin darauf aufmerksam machte, daß ich ihr das Essen weggkaufe, da sie sich seit Harz IV vorwiegend von Chappi ernährt. Seither gibt es von mir nur noch Bargeld.

Abgesehen davon, zehn Dosen Hundefutter sind nicht leicht zu tragen. Vermutlich habe ich mir bei deren Transport einen leichten Anfall von Ischias zugezogen, der mich veranlaßte, nach Dublin zu fliegen.
Dort gibt es in 55 Grafton Street das Zentrum für traditionelle Chinesische Medizin, in dem Könner arbeiten. Ein kurzer Ruck, ein Schrei, ein sanfter Druck, ein leises Stöhnen – schon kroch der Schmerz nicht mehr aus meinem Gesäß Richtung Knie.
Auf der Parnell Street feierte ich den Erfolg des Chinesen mit einem Glas Guinness und einer großen Portion Codfish. Dann gelüstete es mir nach geistiger Nahrung.
Da es in Ire keine Preisbindung für Bücher mehr gibt, werden die gerade angesagten Werke der bestselling authors zwar wie bei uns in riesigen Stapeln angeboten, doch wer zwei dieser Taschenbücher kauft, bekommt das dritte kostenlos.
In den Niederlassungen der großen Buchhandelsketten steigert man auf diese Weise den Umsatz, was hierzulande nicht möglich ist, solange es die Preisbindung gibt.
Mich interessieren allerdings weniger die bestselling, sondern die bestwriting authors. In der großen Buchhandlung Chapters, nach wie vor in der Parnell Street, hält man die von den Verlagen empfohlenen Verkaufspreise offensichtlich auch für einen guten Witz.
Die hervorragende Orson Welles Biografie von Peter Conrad, empfohlener Preis 29 British Pound, gibt es in der gebundenen Ausgabe für 12,99 Euro. Gut, von diesem Titel ist inzwischen eine Taschenbuchausgabe erschienen.
Doch auch die brandneue Patricia Cornwell, At Risk, vorgeschlagener Ladenpreis 16,90 Euro, wird für 4,99 Euro angeboten. Da kann ich nicht widerstehen, nehme das Taschen-buch mit.
Einhunderteinundachtig Seiten, gerade richtig für den eineinhalbstündigen Rückflug, und als ich mich im Airbus darüber her mache, bin ich verblüfft.
Keine Spur von der Klaustrophobie der Kay Scarpetta Romane! Ein beeindruckend geschriebener Kriminalroman, an dessen Anfang eine widerliche Staatsanwältin an ihr Bett gefesselt wird, was nie falsch sein dürfte, sowie ein erheblich unterbezahlter Polizist auf eigene Faust einen Mord aufklärt, der sich vor zwanzig Jahren ereignete. Ja, damals gab es noch keine DNA -Analysen, und damit kennt sich die ehemalige Gerichtsmedizinerin Cornwell nun einmal am besten aus. Wie mit dem ärmlichen Leben der amerikanischen Polizisten.
Cornwells Held Win kann sich seine Armani-Anzüge nur aus dem Secondhand Shop leisten. Dieser Krimi ist handwerklich gelungen. Derart gute Arbeit regt immer an, ihr nachzueifern. Warum nicht einmal den Massenmord an den kleinen und mittelgroßen Buchhandlungen aufklären?

Ja, wir haben in Deutschland für Bücher gebundene Ladenpreise. Sie sollen, das sagt man uns jedenfalls immer, die literarische Vielfalt und den Fortbestand mittelgroßer und kleiner Buchhandlungen ermöglichen. Aber tut der gebundene Ladenpreis das?
Gewiß nicht, wenn er zwar für die Buchhändler gilt, unsere Verlage jedoch den Großbuchhändlern horrende Rabatte gewähren, die zwar – dem steht die Preisbindung im Wege - nicht zu niedrigeren Preisen für den Leser führen, den Großbuchhändlern aber jenen wirtschaftlichen Vorteil verschaffen, der sie unermüdlich expandieren läßt. Im Einkauf liegt bekanntlich der Segen.
Der mittelgroße Buchhändler bekommt für seine 3 Exemplare eines Titels um die 40% Rabatt.
Die große Buchhandelskette kauft unter mindestens 50% vielfach nicht mehr ein, und nach oben ist bei vielen Verlagen der Rabatthimmel offen.
Mit Jahresumsatzpauschalen, Werbekostenzuschüssen, Aktionspauschalen und Schaufenstersonderzuschüssen und anderen heimlichen Preissenkungen kauft die Kette praktisch meist mit 65% Rabatt ein.
Preisbindung hin, Preisbindung her – durch die ausgewiesenen und versteckten Mengenrabatte, die sie den großen Buchhandelsketten gewähren, begünstigen Verlage diese Großeinzelhändler. In immer mehr Städten haben sie bereits ein Monopol.
Da ist es kein Wunder, daß Buchhandelsketten inzwischen die Konditionen bestimmen und für Verlage noch ungünstigere Bezugsbedingungen durchsetzen können.
Gewiß, jeder Verlag will so viel Umsatz wie möglich erwirtschaften. Aber auch ein Verlag lebt nicht von Umsätzen, sondern vom Gewinn.
Wie sagte doch ein weiser alter Indianer? Erst wenn es hierzulande nur noch eine einzige Buchhandelskette gibt, werden die Verlagsmanager merken, daß man Umsätze nicht essen kann. Ein neuer Fall für Kay Scarpetta? – Nein, eher für die Verlegerverbände. Sonst müssen sich auch die ehemaligen Mitarbeiter der mittelgroßen und kleinen Verlage bald nach einer Wolldecke, einer Hündin und einigen Welpen umsehen.
Kein Wort gegen die Preisbindung. Aber mit Großmengenrabatten und einer Vielzahl versteckter Boni wie einem Fixum für Regalflächen, Sondertische sowie dem Remittenden-Verhinderungs-Bonus usw. schaufeln sich die Buchverlage ihr eigenes Grab.

Über zwei erfolgreiche Ärzte, das Maria-Hilf-Hospital sowie deren Geschäftsmodelle – Heute nur ein Medizin Blog

März 24th, 2007

Per Fleurop bekomme ich einen großen Blumenstrauß, gelbe Rosen und (vermutlich) Nieswurz, mit dem sich Doris dafür bedankt, daß ich ihr vor drei Wochen die Einweisung in ein Krankenhaus ersparte.
„Mir geht es sehr schlecht“, klagte sie damals im Café, als sie kaum sitzen konnte, was bei ihr keinesfalls auf heisse Sadomaso-Spiele zurückzuführen sein konnte. Nein, sie litte seit Wochen an einem Ekzem, das ihre Sitzfläche so rot wie die eines Pavians aussehen lasse.
Ihre Hautärztin habe, so sagte sie aufgeregt, sämtliche möglichen Allergie-Tests mit ihr veranstaltet und wisse nicht mehr weiter. Es müsse sich um eine Auto-Immunkrankheit handeln, die zunächst mit einer Darmspiegelung abgeklärt werden müsse.
Nun kenne ich Doris und ihr Streben nach größtmöglicher Reinheit. Sie gibt niemandem die Hand. Sie säubert im Restaurant Messer und Gabel mit einem Sanitärtuch. Sie faßt jede Türklinke, nein, nicht mit Messer und Gabel, sondern mit einem Zellstofftuch an. Nur ihren Mann faßt sie ohne Handschuhe an. Behauptet sie jedenfalls.
„Nun ja“, sagte ich taktvoll. „Darüber spricht man zwar nicht, aber betrachte mich sozusagen als Deinen Arzt. - Womit reinigst Du nach dem politisch korrekten Stuhlgang dein Hinterteil?“
„Natürlich mit einem Feuchti“, sagte sie errötend. „Das mache ich seit Jahren so.“
„Sehr schön und sehr sauber“, sagte ich. „Das machst du ab jetzt anders! Entweder nimmst Du einen trockenen Bestseller (zum Beispiel einen Roman von Fred Vargas) mit ins kleinste Zimmer eures Hauses und bringst ihn dort nach und nach hinter dich, oder du entscheidest dich für eine Rolle Hakle. Steh auf und wandele! In spätestens vierzehn Tagen bist du geheilt.“
Das wurde sie auch. Auf einer Postkarte, die aus dem Blumenstrauß herausragte, teilte sie mit, daß ihr Ekzem nach wenigen Tagen verschwunden war.
Ja, bei all meiner Bescheidenheit, die Gesundheitsreform zwingt mich, ein immer besserer Geisterheiler zu werden. Noch eine Fallgeschichte? Aber ja doch!

Mein Freund Klaus klagte seit Monaten über ständige Müdigkeit und körperliche Schwäche, die ich auf seinen Schlaftrunk (eine Flasche Chablis) zurückführte, mit dem er das Ende der meisten Tage bei Klassischer Musik (meist Tschaikowski, nicht mein Fall) zu feiern pflegte. Von vierzehn Tage konnte ich ihn plötzlich eine Woche lang nicht erreichen.
Vermutlich Thailand, dachte ich. Klaus wird prüfen wollen, ob Houellebecq gründlich recherchiert hat. Der Gedanke an Chiang Mai machte mich ziemlich neidisch. Ich war drauf und dran, seinem Beispiel zu folgen, doch dann meldete er sich zurück.
„Haben die Frauen in Thailand endlich längere Beine?“ erkundigte ich mich sexistisch.
„Keine Ahnung! Im Krankenhaus waren nur Schwestern aus Korea.“
“Auch meistens viel zu kurz”, sagte ich traurig.
Da ich regelmäßig hören muss, ich postete zu lang, werde ich mich jetzt kurz fassen. So kurz wie die Beine der meisten Frauen in Chiang Mai.
Von wegen Thailand! Klaus war in der Sauna umgekippt, hatte sich den Kopf aufgeschlagen und war von den Sanitätern ins Maria-Hilf-Hospital eingeliefert worden, wo man ihn eine Woche lang untersucht hatte.
„Und was haben die Ärzte gefunden?“
„Nichts. Ich muß in vierzehn Tagen nochmal dort hin. Eine Kathederuntersuchung.“
Nun berichten mir meine Freundinnen und Freunde grundsätzlich, welche Medikamente sie einnehmen. Schon aus Selbstschutz.
Klaus schluckte nach einem leichten Hinterwandinfarkt Bludrucksenker, Statine sowie einen Betablocker. Vermutlich zur Abschaffung seiner Potenz. Meine Diagnose erfolgte wie stets ohne jedes Gerät mit Sir Ockhams Rasiermesser.
„Nimmst Du immer noch jeden Tag deine drei Medikamente, die man dir vor fünf Jahren nach dem Infarkt verschrieben hat?“
Er nickte. „Meine Ärztin gibt mir alle sechs Wochen ein neues Rezept dafür.“
„Ärzte, Schmärzte“, sagte ich. „Du begibst dich so schnell wie möglich zu einem anderen Kardiologen, der dir vermutlich aus Prinzip gestatten wird, nur die Hälfte der bisherigen Dosis zu schlucken. Man muß den Arzt von Zeit wechseln, damit einer die Fehler des anderen korrigiert. Das sieht unser Gesundheitssystem so vor.“
Wie ich vermutet hatte, verringerte der andere Kardiologe (schon aus Selbstachtung) die Menge des chemischen Cocktails. Seither läuft Klaus bereits am frühen Morgen, um halb zehn, hellwach durch den Sachsenwald. Keine Spur mehr von Müdigkeit oder Schwäche, obwohl er nach wie vor abends Tschaikowski hört. Neuerdings nicht mehr allein, sondern mit Karin. (Kampf den Betablockern! Besser tot als impotent!)
Zugegeben, ein weniger sensibler Leser könnte daraus folgern, die Hälfte der deutschen Ärzte wäre unfähig, und das Problem bestehe vor allem darin, dass man meist erst nachher bemerke, zu welcher Hälfte ein Mediziner gehöre. Diese Annahme wäre erheblich verkürzt.
Ich weiß inzwischen, dass Doris für die Allergie-Tests 1200 Euro bezahlen mußte. Der einwöchtige Krankenhausaufenthalt wurde mit 3600 Euro vergleichsweise günstig berechnet.
Facit: Sowohl die Dermatologin als auch das Krankenhaus haben wirtschaftlich vorbildlich gehandelt. Wenn die Hautärztin gefragt hätte, auf welche Weise Doris ihren Hinterausgang reinigt, wenn die Kardiologin geprüft hätte, ob die nach einem Infarkt verordneten Medikamente fünf Jahre später noch in der damals vermutlich gebotenen Dosis erforderlich sind, hätten beide zweifellos weniger Umsatz erzielt. Wollen wir, dass unsere Ärzte uns auf der Straße anbetteln müssen? Standesgemäß mit dem Spruch: “Ey, Alter, haste mal tausend Euro?” - Natürlich wollen wir das nicht.
Überflüssig, es zu erwähnen: beide Patienten sind wie ich privat krankenversichert. Von uns kassieren die Ärzte und Kliniken, was die Gesetzlichen Krankenversicherungen nicht mehr hergeben. Wir Privatpatienten leben zweifellos gefährlich. Aber jeder muß irgend ein Opfer bringen.
Nachtrag: Sabine Deitmer hat mit „Perfekte Pläne“ (Krüger) ein großartiges Psycho- und Soziogramm der Situation eines wohlhabenden Familienvaters veröffentlicht, der seinen Ärzten nicht über den Weg traute und deshalb zu alt wurde. Dazu demnächst mehr. Erstens möchte ich den Roman nochmal lesen und zweitens, wenn ich ihn jetzt ausführlich lobe und preise, wird dieses posting wieder zu lang.