Leseprobe aus "Aus dem Leben eines empfindsamen Chauvinisten"

Prosat 5 verfilmt Goethes Faust
Bereits am Telefon hatte der alte Berufsboxer Georg Kolberg mehrfach darauf hingewiesen,
daß er zwar unter dem Pseudonym Jerry Kolby Das große Handbuch des Faustkämpfers
verfaßt hatte, aber kaum der richtige Autor für die Bearbeitung des Schauspiels Faust für das
Fernsehen sei. Während ihn Redakteur Dr. Hornberg, ein kleiner Mann mit schütterem Haar,
in das Besprechungszimmer führte, versuchte Kolby erneut, diesen Irrtum aufzuklären, doch
Hornberg verzog nur unwillig sein Gesicht: "Ich irre mich grundsätzlich nicht. Sonst wäre ich
noch immer Schauspiellehrer einer Laienspielgruppe!"
"Ich verstehe von Drehbüchern nichts", sagte Kolby abermals und Hornberg nickte: "Genau
das qualifiziert sie für uns. Ich hab eine gute Nase für unverbrauchte Talente! - Wollen wir was
essen gehen?"
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In der Trattoria La Dolce Vita saßen die beiden Männer kaum an einem der weiß gedeckten
Tische, als der Kellner schon mit zwei Speisekarten zu ihnen eilte. Hornberg entschied sich für
Spaghetti a la Dentist, so verstand es Kolby jedenfalls, der wie meistens um ein möglichst
blutiges Steak bat. Dann entwickelte Hornberg seine Vorstellungen. ProSat 5 sei fest
entschlossen, die Quoten sämtlicher anderen Fernsehsender zu übertreffen, und Kolby sollte
dabei mithelfen. Es gehe um die Verfilmung eines alten Theaterstückes mit dem Titel Faust,
das inzwischen kein Zuschauer mehr kenne. Es sei der ideale Stoff für einen Fernsehfilm der
Woche.
"Und wovon handelt das Stück?" fragte Kolby aus Höflichkeit. Hornberg warf ihm ein
dünnes Reclam-Heft neben das Steak: "Ich hab ihnen die Schwarte mitgebracht. Wir müssen
das natürlich alles ändern. Der Mann, der das schrieb, hatte leider keine Ahnung vom Leben."
"Ich kann so was nicht", sagte Kolby wieder, und Hornberg widersprach ihm einmal mehr.
"Unsinn!" sagte Hornberg."Jeder Idiot kann Fernsehdrehbücher schreiben. Sie sind genau der
richtige für uns. Stellen sie sich doch mal das Echo vor: Boxer bearbeitet Faust... Das ist die
Schlagzeile für die Illustrierten!"
"Das ist ein Kalauer." sagte Kolby. "Ich glaube nicht, daß ich das mache. Aber ich kann ja das
Heftchen demnächst mal lesen." Er blickte sich nach dem Kellner um und wollte zahlen, doch
der Redakteur hinderte ihn daran: "Ich bitte sie! Sie sind natürlich unser Gast." Dann griff er in
seine Aktentasche und legte einen dicken Stapel Papier vor Kolby auf den Tisch: "Hier! Ich
habe ihnen die Verträge gleich mitgebracht. Sie brauchen nur noch zu unterschreiben."
Kolby warf, wiederum nur aus Höflichkeit, einen Blick in die Verträge, und als er die Summe
sah, die er für das Drehbuch bekommen sollte, griff er nach seinem Bleistift und unterschrieb so
hastig, daß die Spitze des Schreibgerätes abbrach. "Hab ich gewußt", sagte Hornberg zufrieden.
"Zehn Prozent des Honorars überweisen sie auf mein Privatkonto, und dann gehen sie an die
Arbeit. Kümmern sie sich bloß nicht um die alte Schwarte. Je weniger sie sich daran halten,
umso besser. Streichen sie möglichst viel raus. Wir brauchen nur sechzig Minuten."
****
Vielleicht lag es daran, daß Kolby Reste seines beruflichen Stolzes als Box-Profi in den
Ruhestand herübergerettet hatte. Schon während seiner Heimreise holte er im Intercity das
dünne Reclamheft aus seinem Matchsack und las darin. Wie er vermutet hatte, fand er das
Buch langweilig. Interessant war für ihn nur, daß der frustrierte Sportarzt Dr. Faust von einem
gewissen Mephisto ein Dopingmittel bekommt, das ihn derart aufmöbelt, daß er sich in ein
Mädel namens Grete verknallt, das ihm die Heiratsvermittlerin Marthe Schwerdtlein mit Hilfe
von KO-Tropfen so gefügig macht, daß er sie zu schwängern vermag. "Ich werde das schon
schaffen", munterte sich Kolby auf, und als er sich aus der Stadtbibliothek eine Bastelanleitung
für Drehbücher besorgt hatte, wich endlich seine Furcht vor der für ihn neuen Aufgabe. Er
machte aus Faust einen Boxprofi in der Midlife-Crisis, ließ dessen Trainer Mephisto einen
Ferrari fahren und verpaßte der jungen Grete einen Walkman. Mit der Kupplerin Marthe
Schwerdtlein hatte er zwar anfangs Probleme, aber als er sie in die Chefin einer Modell-
Agentur verwandelt hatte, kam er auch mit ihr gut zurecht. Nach drei Wochen hatte er das
Drehbuch vollendet. Er steckte es in einen Briefumschlag, schickte es zu ProSat 5, und dann
dauerte es vier Monate, bis der Sender antwortete. ""rste Buchbesprechung morgen zehn Uhr
in meinem Büro"" telegraphierte Hornberg.""rwarte sie pünktlich und möglichst nüchtern.""
****
""ch konnte ihr Drehbuch leider erst heute beim Frühstück lesen"" begrüßte ihn Dr. Hornberg
mit echtem Bedauern in der Stimme. ""igentlich hatte ich mir mehr von ihnen versprochen.""
Kolby duckte sich, wollte die nächsten Schläge abfangen, wie es ihm sein Trainer beigebracht
hatte, aber Dr. Hornberg lächelte plötzlich freundlich und bot Kolby einen Stuhl an:
""achen sie sich keine Sorgen. Das läßt sich alles richten!""Danach wurde er genauer und
entwickelte seine Ideen. ""or allem fehlt mir der Pudel in ihrem Drehbuch! Der Hund muß nicht
nur darin vorkommen, sondern er muß den Dr. Faust in jeder Szene begleiten. Zuschauer lieben
Hunde! Wir haben schon einen Dompteur verpflichtet, der dreißig Pitbulls für uns aufzieht und
für die Dreharbeiten dressiert.""
""m Theaterstück hat der Doktor aber einen Pudel"" sagte Kolby. ""ümmern sie sich nicht
darum"" erwiderte Dr. Hornberg. ""ei uns muß alles viel größer sein. Sie haben sich überhaupt
viel zu sehr an die Vorlage gehalten! Faust, Mephisto, die Marthe Schwerdtlein... Alles alte
Leute! Glauben sie, unsere Zuschauer wollen lauter Gruftis sehen?""
""ch dachte...""sagte Kolby leise, und diesmal unterbrach ihn Hornberg mitten im Satz: ""as
Denken überlassen sie mal besser uns Redakteuren. ProSat 5 macht ein junges Programm für
junge Menschen! Unser Faust ist ein Rocksänger von höchstens dreiundzwanzig, das Mädel ist
dreizehn und vergißt die Antibabypille, und der Mephisto...""Er überlegte und rang sich dann zu
einer schnellen Redakteursentscheidung durch: ""ozu brauchen wir den Mephisto? Der wird
gestrichen! Und machen sie aus der Schwerdtlein eine Messe-Hosteß.""
""nd die Pitbulls?""fragte Kolby. ""as soll mit den Hunden geschehen?""""ein Gott"" stöhnte
Dr. Hornberg gequält. ""ollen sie etwa, daß ich ihr Buch für sie schreibe? - Der Rocksänger
Faust hat die roupies so satt, daß er nur noch seinem Hund vertraut!""Nach diesem Satz stand
Hornberg auf, griff nach Kolbys Drehbuch, und warf es ihm in den Schoß: ""ndern sie das bis
nächste Woche. Wir wollen keine Zuschauer in den Altersheimen. Vergessen sie das nicht.""
****
Am liebsten hätte Kolby nach dieser Besprechung seinen Auftrag zurückgegeben. Aber
ProSat 5 hatte ihm schon eine Woche nach dem Gespräch in der Trattoria ein Drittel des
vereinbarten Honorars überwiesen, und so holte er schließlich jene Zettel aus seinem
Matchsack, auf denen er sich die Wünsche Hornbergs notiert hatte. Es fiel ihm zwar anfangs
nicht ganz leicht, sein Drehbuch entsprechend zu ändern, aber nachdem er die erste Szene
geschrieben hatte, in der Henry Faust in zerrissener Jeans mit der Gitarre vor dem Spiegel steht
und sich beim Rasieren schneidet, lief ihm die Arbeit immer flüssiger von der Hand.
Da die Kupplerin Marthe Hosteß sein sollte, machte Kolby die Halle einer Modemesse zum
Schauplatz, in der das dreizehnjährige Gretchen auf dem Laufsteg Dessous vorführt, während
Henry Faust mit seiner Rockband die Musik dazu spielt. Sogar den Pitbull verstrickte Kolby
geschickt in die Handlung, indem er ihn zum Maskottchen der Rockgruppe erklärte.
Dieser Kunstgriff vereinfachte auch die Verführungsszene. Kolby verlegte sie in den
Umkleideraum und ersetzte die KO-Tropfen durch Kokain, das Marthe der Grete auf dem
Frisierspiegel anrichtet, weil ihr Faust dafür seinen Ferrari versprochen hat.
****
""ind sie wahnsinnig?""brüllte Dr. Hornberg bei der nächsten Drehbuchbesprechung. ""ie
können doch den Mephisto nicht einfach streichen!""
Kolby duckte sich und riß beide Fäuste zur Deckung hoch: ""as war ihr Wunsch. Sie wollten
ihn nicht!""
""ommen Sie mir nur nicht noch mit dummen Ausreden. Natürlich muß der Mephisto wieder
rein. Der ist doch die Hauptperson!""
Nach diesem Wutausbruch wurde Hornberg friedlich, und er berichtete stolz, daß ProSat 5
schon mit den für den Film vorgesehenen Schauspielern verhandele. ""s bestehen gute Chancen,
daß wir den Juhnke für den Faust bekommen und den Didi Hallervorden für den Mephisto.
Nur die Iris Berben weigert sich standhaft, die Marthe Schwerdtlein zu spielen.""
""nd wer spielt das Gretchen?""fragte Kolby leise. Hornberg stand auf, eilte zu seinem
Schreibtisch und zeigte Kolby dann ein Foto. ""eine Tochter!""sagte er stolz. ""ie hat gestern
die Bühnenreifeprüfung bestanden. Eine außergewöhnliche Begabung. Unser Sender war schon
immer bestrebt, jungen Talenten eine Chance zu geben.""
Nach diesem Satz machte er eine kleine Pause, ließ sich bescheiden gefallen, daß ihm Kolby
zu seiner Tochter gratulierte, dann kam er wieder auf das Drehbuch zu sprechen: ""ie für den
Film jetzt vorgesehenen Schauspieler machen natürlich einige kleine notwendig.
Vor allem sind die Figuren sämtlich viel zu jung!""Kolby hatte längst seine Fäuste wieder vor
sein Gesicht gehoben und gab vorsichtig zu bedenken, daß diese Verjüngung Hornbergs
Wunsch gewesen sei. ""ügen sie nicht auch noch!""schrie Dr. Hornberg. ""ir machen kein
Programm für Kinder, sondern eins für erwachsene und möglichst kaufkräftige Zuschauer. Für
die Teeny- und Modeszene interessiert sich kein Mensch mehr. Ganz normale Leute, hart aus
dem Leben gegriffen! Ganz gewöhnliche Alltagsschicksale! So was wollen die Zuschauer sehen.""
""nd wie stellen sie sich das vor?""fragte Kolby. Dr. Hornberg dachte kurz nach: ""lso der
Mephisto muß als erstes wieder rein. Er ist der frühere Ehemann der Marthe Schwerdtlein, die
ihn verlassen hat, weil sie den Professor Dr. Faust heiraten möchte. Dieser Faust ist vom
Lehrbetrieb so angewidert, daß er nur noch einen Vertrauten hat...""
""retchen!""sagte Kolby. Hornberg schüttelte den Kopf: ""ein. Seinen Pitbull! Der Hund ist
der einzige, mit dem Faust noch redet, und gleich in der ersten Szene vertraut ihm Faust ein
schreckliches Geheimnis an: ""retchen ist schwanger!""
""on Mephisto!""sagte Kolby.
""ein!""sagte Dr. Hornberg. ""alten sie sich gefälligst an die Vorlage. Gretchen ist Fausts
Tochter aus erster Ehe, und er hat mit ihr geschlafen und sie dabei geschwängert.""
""enial"" sagte Kolby.
""awohl"" sagte Hornberg. ""nzest! Alle Frauen werden weinen, wenn sie diesen Film sehen.
Und die Schwerdtlein weiß von dem Inzest und erpreßt Faust, der sie heiraten soll, damit sie
sich seine Lebensversicherung auszahlen lassen kann.""
""ber Faust lebt doch am Ende des Stücks noch"" wandte Kolby ein. Hornberg schüttelte den
Kopf: ""ei mir nicht,""sagte er nachdrücklich. ""ein Pitbull hat ihn totgebissen. Verlassen sie
sich auf mich! Ich weiß immer ganz genau, was die deutschen Fernsehzuschauer wollen.""


Aus: Wolfgang Körner, ""us dem Leben eines empfindsamen Chauvinisten, Marion von
Schröder Verlag,

Nachtrag: Wer behauptet denn da, Texte hätten keine Wirkung? - Das Vorbild für
Dr. Hornberg, der Serienredakteur Dr.
<<<<< (ZENSUR!!),wurde kurz nach
der Erstveröffentlichung dieser Story von seinem Sender gefeuert! Allerdings nicht
aus fachlichen Gründen, sondern wegen Vorteilsnahme.

Stoppt die Verelendung unserer Fernsehredakteure!
Legalisiert den Kickback!

Eine vorbildliche Staatsbürgerin

Prosat 5 verfilmt Goethes Faust
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