| Leseprobe aus dem Roman "Nowack" | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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An die Fensterscheiben des dreieinhalb Quadratmeter großen Abstellraumes, der zu seiner Kellerwohnung gehört, hatte er Zeitungen geklebt. Er war davon überzeugt, nichts sei geeigneter, hell in dunkel zu verwandeln, als ein kleiner Teil der Gesamtausgabe einer Tageszeitung. Er stand im Abstellraum, für ihn: Die Dunkelkammer, und entwickelte einen Film, drehte den Stöpsel der Entwicklerdose und las einen Artikel in der obersten Zeitung am Fenster, in dem vom Aufstand einer Gruppe italienischer Gastarbeiter berichtet wurde, die wegen unzumutbarer Wohnverhältnisse (Kellerwohnung) einen Sitzstreik vor der Wohnung des Hauseigentümers durchgefühlt hatte. Diese Aktion war nicht erfolglos geblieben, der Hauseigentümer hatte ihnen die unmenschlichen Wohnverhältnisse erspart und die Wohnung fristlos gekündigt. Der Artikel: Harry hatte ihn, als er einzog, in zahlreichen Belegexemplaren zusammen mit achtundvierzig leeren Tomatenmarkdosen im Keller vorgefunden. Nebenan im Wohnraum klingelte das Telefon, er kümmerte sich nicht um den Apparat. Früher, als er noch alles stehen und liegen ließ, wenn sich der Fernsprecher meldete, hatte er manchen Film verdorben, doch die Zeit, wo er bei jedem Anruf mit einem Auf trag rechnete, war lange vorbei. Der Apparat gab noch ein paar Mal Laut und verstummte dann. Harry wartete, bis sich die Kurzzeituhr meldete, und schüttete den Entwickler aus der Dose in die Kunststoffflasche, wässerte und fixierte den Film und legte ihn in das Wässerungsbecken neben der Tür. Oder aber: Er lag auf der Matratze nebenan im Wohnraum und blickte mit weitgeöffneten Augen zur Kellerdecke. Er hatte die Feier anläßlich der Stillegung einer Zeche fotografiert, den Film entwickelt und die Negative vergrößert und war mit zwei Tropfen aus seiner Flasche auf Reisen gegangen. Die Flasche: Abschiedsgeschenk von Monika, Studentin der Chemie im sechsten Semester. In seinem Besitz verblieben, zusammen mit einem unfreundlichen Tripper: Erinnerung an eine Ausgezogene. Ausgezogen zuerst sie sich für ihn, dann sie aus der Wohnung für immer und mit dem Versprechen, nie zurückzukommen. Das Telefon klingelte. Er stand auf, stand schwankend und wollte zum Telefon, er stolperte, setzte sich auf den Sisalteppich, sah einen Film in Pepsi-Color. Ausrufer mit Megaphon. Aufgepaßt, Leute, das ist der große Ausverkauf, groß wie alles in dieser Landschaft und größer, als es sich der an Großes gewöhnte Harry S. Nowack hätte je träumen lassen. Die Stilllegung des Ruhrgebietes, die Einebnung aller Löcher, die Vermauerung der siebten Sohle. Hosianna, Kohlenkrise an der Ruhr, die Stunde der Befreiung des Bergmannes hat geschlagen, befreit wird Stacho Kaczmarek, eingewandert in den berüchtigten Zwanzigern aus den polnischen Sümpfen, befreit wird er von der Fron unter Tage, die er in hunderten und aberhunderten Gedichten bergmännischer Versuchslyrik besang, was heißt hier besang: die er verfluchte in grimmigen Botschaften aus dem Streb. Harry wollte sitzend zum Telefon hinüberrutschen und nach dem Hörer greifen, verlor das Gleichgewicht, kippte und lag wieder. Der Wirtschaftsminister fährt an ihm vorbei und besteigt ein geschmücktes Rednerpult, und die Bergleute nehmen ihre Helme ab und singen eine Schnulze, und der Minister redet und redet ein Es-wird-alles-wieder-besser. Harry fotografiert. Minister auf Rednerpult. Bergleute mit gläubigen Gesichtern. Aufsichtsrats- mitglieder mit Beteuerungen auf den Lippen: Wirklich, wir haben gestern noch nichts davon geahnt. Harry erwartet Unruhe. Wenn die Not ihre Zähne in den Hals einer Landschaft schlägt, denkt er, da werden Kräfte frei, da schießen Besen, und selbst die Steine demonstrieren. Harry sieht den blauen Saint-Tropez-Himmel auch im Ruhrgebiet. Auf den Abraumhalden wächst das Korn, und die Schafe weiden auf sattgrünen Wiesen, und noch immer fährt der Minister von Ort zu Ort und redet und redet. Harry kam wieder zu sich, ging zum Telefon und hörte das Freizeichen, legte wieder auf und hielt dann in der Küche einen Lappen unter den Wasserhahn, zog das Hemd aus und rieb seinen Oberkörper ab, preßte den Lappen gegen die Stirn, holte ein Handtuch aus der Bekleidungskiste im Wohnraum und frottierte die Haut, bis sie rot wurde. Er zog eines seiner Arbeitshemden an, die Monika genäht hatte, nahm vier Rollfilme aus der Materialkiste, überlegte vor dem Kameraregal neben der Tür, welchen Apparat er mitnehmen sollte, entschied sich für eine einäugige Spiegelreflex und hängte sie über die Schulter. Durch das Fenster einer Straßenbahn sieht er die (fensterlosen) Mauern der Untersuchungs- haftanstalt, ahnt hinter ihnen Justizbeamte, die wehrlose Häftlinge künstlich am Leben halten, sie jeden Tag nach Sonnenuntergang auspeitschen. Unangenehmes Frösteln. Die Schiebetüren gleiten (leises Zischen) aus einander. Er springt auf die Straße, überquert sie, ist auf dem Bürgersteig. Eine junge Frau, noch keine zwanzig, geht an den Schaufenstern eines Automobilsalons vorbei und betrachtet interessiert das neueste Modell von Plymouth. Sie geht an Krücken. Der neue Plymouth: ein Fünfundzwanzigtausender mit Hydroakustik und Opelgesteuerter Nockenwelle. Harry beobachtet, hebt die Kamera, will auf den Auslöser drücken. Bemitleiden, jemanden.; sich über die Notlage eines Menschen aufrichtig und tief betrüben, des Betroffenen seelische Not nachempfinden, ihn bedauern und dies durch Blick, Geste oder Wort zum Ausdruck bringen. Harry wünscht sich einen Blumenladen herbei, kauft vier Azaleen, läuft hinter der Frau her und spricht sie an, entschuldigt sich, sagt, er habe ihr Gesicht gesehen. Es sei außerge- wöhnlich, er würde es gern fotografieren. Sie lächelt, schüttelt den Kopf, nimmt die Blumen nicht an und erzählt von ihrem Mann. - Er würde das nicht verstehen, sagt sie, er kauft gerade einen neuen Wagen, der alte ist leider auf dem Friedhof. Es war ein schwerer Unfall, Sie verstehen! Während sie das sagt, klopft sie mit dem rechten Zeigefingerknöchel auf ihr Knie, und das Knie klopft hölzern zurück. - Sind Sie wirklich verheiratet, fragt Harry, und sie zeigt ihren Trauring zum Beweis. - Welch ein Glück für Sie, sagt Harry und wirft die Azaleen in einen Gully, welch ein Glück für Sie. Harry geht weiter. Ein Geschäft neben dem anderen. Die Straße breit, für Kraftfahrzeuge gesperrt und in der Mitte aufgerissen. Harry sieht, eine Gruppe Spanier prüft Wasser- leitungen, hat einen Graben ausgehoben und schüttet ihn wieder zu. Dreißig Meter hinter ihr eine Gruppe Italiener: beauftragt, Telefonleitungen zu prüfen, heben sie den Graben erneut aus. Kommunikationsschwierigkeiten. Falls die Uhr über einem Juwelierladen richtig geht, ist es halb sechs. Es ist nicht warm, auch nicht kalt. Er geht langsam und sieht den Leuten ins Gesicht. Ein Mädchen fällt ihm auf, er überlegt, wo er es schon einmal gesehen hat, kann sich nicht daran erinnern. Vielleicht hat er es einmal fotografiert. Zu große Nase, schmale Augen, blondes Haar, hellrote Lippen: Konturen nachziehen. Wahrscheinlicher: Er hat das Mädchen irgendwann und irgendwo gesehen, mit ihm gesprochen oder geschlafen. Vor der Kirche die alte Glocke. Beschädigt. Auf einem Sockel. Er weiß nicht, ob man sie nach dem Krieg aus dem Kirchturmschutt geborgen oder aus Hamburg zurückgeholt hat. In letzter Minute durch den Endsieg vor dem Einschmelzen bewahrt. Er bleibt bei der Glocke stehen, sieht ein Loch mit scharfkantigen Rändern im Metall, steckt den Zeigefinger in die Öffnung und zieht ihn wieder heraus. Wie immer, wenn er in der Stadtmitte zu tun oder nicht zu tun hat, sucht er sein Lieblingsespresso auf. Der Italiener hinter der Theke nimmt seine Füße aus der Eismaschine und errötet. Harry sagt, er sollte sich seinetwegen keine Umstände machen, er hätte nur gern einen Kaffee. Der Spaghetti nickt freundlich auf italienisch und schüttet Kaffeepulver in eine Tasse, spuckt darauf und stellt die Tasse vor Harry auf den Tisch. | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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