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Leseprobe aus dem Roman "Scharfe Suppen für hungrige Männer" | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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Ich sagte es bereits: Ich stand in der Küche unseres Hotels und schnetzelte Zwiebel nach Zwiebel. Ich sah die leuchtend grünen Kiefern und den brennenden Fels. Ich dachte über die verflossenen Tage und über die noch kommenden Tage meines Lebens nach, und die Tränen rannen mir über das Gesicht. Ich hörte die Absätze von Stöckelschuhen im Flur, dann kam Rosi in die Küche und öffnete die Bratröhre, um sich über den Rehrücken zu beugen. "Ich glaube, es ist Zeit, den Speck abzunehmen", sagte sie. "Ach was! " sagte ich. "Dös braucht noch gut und gern a Viertelstund'." Ich drehte mich um, wollte nach dem Rehrücken sehen und sah den Rücken meiner Rosi. Wie immer bei Hochzeitsfeiern in unserem Hotel wollten wir die Gäste während des Essens mit meiner doppelt scharnierten Zither und Rosis Jodeln unterhalten, und sie hatte sich dafür schon ihr Festtagsdirndl angezogen. Noch immer beugte sie sich über die Bratröhre. Ihr Rock hatte sich hochgeschoben und gab den Blick auf ihre Strümpfe frei. Als sich auch mir etwas hochzuschieben begann, trat ich hinter sie und zog mit meinem Zeigefinger behutsam die Naht ihres rechten Strumpfes nach. "Laß doch den Unsinn, Rolf!" sagte sie verärgert, während sie einmal mehr meine Hand von sich wegschob. "Du weißt doch daß wir Föhn haben! Mir ist rätselhaft wie ich den heutigen Abend durchstehen soll!" Ich drehte mich um und wandte mich wieder schweigend meinen Zwiebeln zu. Und wie ich das durchstehen soll, dachte ich, das interessiert keinen Menschen auf der Welt. Aber dann war alles wie immer. Nach drei Minuten stand bei mir überhaupt nichts mehr, nur ich stand noch in der Küche, und ich weiß nicht, ob ich nicht noch heute deprimiert am Herd im >König Ludwig< in der Kälte meine Stellung halten würde, hätte sich diese Hochzeitsfeier nicht selbst für oberbayrische Verhältnisse etwas ungewöhnlich entwickelt. Obwohl ich einer sehr tiefen Tiefenanalyse auf Axels durchgelegener Psychologencouch inzwischen die Einsicht verdanke, daß es sich bei den Ereignissen in Zusammenhang mit dieser Hochzeitsfeier keinesfalls um eine Katastrophe handelte, sondern, im Gegenteil um ein genial von meinem Unterbewußtsein inszeniertes Psychodrama zum Zwecke meiner männlichen Befreiung, trafen an Jenem Tage, wie bei einer echten Katastrophe, mehrere Ereignisse auf ungewöhnliche Weise zusammen. Entscheidend war vermutlich mein allgemeiner Frust. Er hing weniger mit Rosis Föhnempfindlichkeit zusammen, an die ich mich im Laufe der Jahre zwangsläufig gewöhnt hatte, sondern mit meiner speziellen Situation als mehrfach frustrierter Künstler. Zuerst die Kochkunst: Rehrücken, das schreibt sich so leicht auf das Papier, aber mein Rehrücken war nicht ein gewöhnlicher, zusammengepfuschter solcher, sondern mit Liebe, Können und Hingabe zubereiteter Rehrücken à la Rolf Prinzler. Fünf Rehrücken hatte ich enthäutet, zwei Tage in Buttermilchmarinade gebeizt, ich hatte Salz, Pfeffer und jene Gewürze von der Padingeralm ins Fleisch gerieben, deren Namen mir meine Großmutter auf ihrem Sterbebett noch hatte ins Ohr flüstern können. Ich hatte Butter erhitzt und Bratensatz mit Wildbrühe abgelöscht, ich hatte ihn mit Mehlbutter sämig gerührt, und die Hochzeitsgäste, ja, sie hatten an der langen Tafel im Vereinszimmer gesessen und einfach alles aufgefressen. Dann die Musik! - Ich kannte die Hauptdarstellerin dieser Hochzeitsveranstaltung flüchtig aus dem Heizungskeller der Hotelfachschule, und als Rosi und ich die Gäste nach dem Essen musikalisch unterhielten, riß ich die Saiten meiner doppelt scharnierten Zither gefühlvoll wie nie. Ich spielte "Wie ein Tiroler ohne Gamsbart", dachte dabei an meine Ehe und schaffte ein wunderschönes Vibrato. Die Hochzeitsgäste unterhielten sich. Ich spielte den "Königsjodler", und Rosis Stimme jodelte in ungeahnte Höhen. Die Hochzeitsgesellschaft betrank sich mit Hefeweizen, Obstler und Enzian. Wenigstens mit der Zither, dachte ich traurig, kann ich die Rosi noch zum Jodeln bringen. Dann spielte ich die alte Weise"Bella donna von Monte Tamaro" und legte meine ganze Wehmut und Trauer in meine Stimme. Der Bräutigam kippte einen Schroffen-Enzian, blickte plötzlich starr vor sich hin und fiel polternd vom Stuhl. Damals hatte ich noch nicht von Axel gelernt, daß es immer am Publikum liegt, wenn ein Künstler auf Ignoranz und Verständnis- losigkeit trifft. Das dreifache Desinteresse an meinen Leistungen als Koch, Meister der doppelt scharnierten Zither und Sänger führte ich auf die unzureichende Qualität meiner Darbietungen zurück, und ich strengte mich noch mehr an. Ich warf Rosi einen verzweifelten Blick zu, griff in die Saiten und sang"Drei weiße Tauben". Wann auch immer ich dieses Lied gesungen hatte, ich hatte es jedesmal geschafft, das Publikum zu Tränen zu rühren, und ich schaffte es auch diesmal. Zwar waren die meisten Hochzeitsgäste schon so betrunken, daß sie unter den Tischen schliefen, aber Christa, die Braut, saß noch völlig senkrecht in ihrem Festtagsdirndl an der Tafel. Sie sah mich starr an. Ich sah sie starr an Dann erblickte ich Tränen in ihren Augen, und sie stand plötzlich auf, stieg über ihren Bräutigam und verließ das Lokal. "Geh endlich mal gucken, was mit der Christa los ist!" sagte Rosi, als die Braut nach einer Viertelstunde noch nicht zurück war. "Geh du doch!" antwortete ich, aber wie es in meiner Ehe nun einmal war, ich stand auf und begab mich auf die Suche nach der Braut. Ich suchte in allen Korridoren und im Müllraum. Ich öffnete mit meinem Universalschlüssel die Tür des Zimmers das der Bräutigam für die Hochzeitsnacht gemietet hatte. Ich suchte sogar im Schwimmbecken, weil manche Frauen so klug sein sollen, gleich nach der Hochzeit ins Wasser zu gehen. Ich suchte und suchte, ich durchsuchte das ganze Hotel vom Keller bis zum Speicher, und ich suchte vergeblich. Schließlich dehnte ich meine Suche auf das umliegende Gelände aus. Ich hastete über den Parkplatz, blickte in sämtliche Autos, bis ich endlich ein leises Weinen hörte. Die Braut saß traurig auf einem Stein" Was ist denn los?" fragte ich so gefühlvoll, wie ich nur konnte. Keine Antwort. Ich streichelte behutsam ihren Kopf und sagte, sie dürfe alles nicht so tragisch nehmen, die Hochzeit sei ja praktisch schon vorbei; da schlang sie plötzlich ihre Arme um mich, preßte sich an mich, und ich hörte ihre Stimme ganz dicht an meinem Ohr. "Ich muß morgen mit meinem Mann nach Hamburg umziehen!" schluchzte sie. "Einmal nur, ein einziges Mal noch möchte ich von der Spechtenalm aus sehen, wie die Sonne aufgeht! " Ich sagte es bereits: Jede Katastrophe hat mehrere Ursachen! - Aber kann man einer Braut den letzten Wunsch abschlagen? Ich konnte es jedenfalls nicht! "Nichts einfacher als das!" sagte ich. "Meinem Vater gehört der Sessellift zur Spechtenalm. Ich hab' noch einen Schlüssel. Wir fahren einfach hinauf!" Meine Rosi, der Föhn, der Obstler, das Hefe-Weizen - alles hatte sich in dieser Nacht gegen uns verschworen. Sogar der Mond! Er leuchtete weiß und kalt und ich mußte an die Kälte Rosis denken. Die Tannen und Kiefern dufteten nach Harz, und als ich Christa zur Talstation führte, roch ich würziges, frisch gemähtes Gras, das auf der Wiese zu Heu verdorrte, wie die Gefühle meiner Frau für mich verdorrt waren. Die Finger zitterten mir, als ich die Tür zur Talstation aufschloß, und als sie hinter mir ins Schloß fiel, schlang Christa wieder ihre Arme um mich. "Einmal noch richtig bayrisch lieben!" flüsterte sie heiser, und schob mich in einen der Holzsessel, die an langen Stahlstangen vom Seil herabhingen. Ich roch den Duft ihres Haars, spürte ihre flinken Finger an meiner Hirschledernen, und auch meine Finger wurden flink, nestelten an den Bändern ihrer Tändelschürze, hoben weiches weißes Rund aus dem Dekollete, hoben Rosi über mich, und diesmal stöhnte ich leise. Nach vielen, vielen Monaten war ich erstmals wieder an jenem Ziel, von dem ich unablässig Tag und Nacht geträumt hatte. "Rolf! Rolf!" jodelte Christa, dann erinnerte sie sich an ihre norddeutsche Zukunft und schrie: "Fritz! Fritz!" Ich hörte das eine so verschwommen wie das andere, ich dachte an mein dreifaches Versagen als Künstler, ich dachte an mein geliebtes Bayernland, das Christa schon am nächsten Tag verlassen mußte, und ich gab einmal mehr mein Letztes. "Rolf!" stöhnte sie leise, während ihr Kopf auf meine Brust sank. "Christa!" flüsterte ich glücklich, und plötzlich stand mein Herz fast still! - Zwei Jahre lang hatten meine Gedanken unablässig um die Frage gekreist, wie ich jenen Ort, an den mich die Vorsehung endlich wieder einmal geführt hatte, erreichen konnte. Jetzt hatte ich den natürlichen Wunsch, diesen Ort wieder zu verlassen, und es erwies sich als unmöglich. Ich zog erst, und ich zerrte, ich stemmte mich mit aller Kraft gegen die Armlehnen des Liftsessels und wollte herausschlüpfen, wo ich so leicht hineingeschlüpft war, aber es erwies sich als unmöglich. Schlimmer noch: Mein Rucken und Zerren ließ den Sessel hin und her schwingen. Christa, mit mir plötzlich fester und inniger verbunden als mit ihrem Ehemann, hockte noch immer auf meinem Schoß, klammerte ihre Arme um mich, unser Sessel tanzte an seinem Seil. Wir hörten ein leises Knacken, der Motor begann leise zu surren, der Sessel setzte sich langsam in Bewegung, fuhr an seinem Stahlseil aus der Talstation, trug uns fünfhundert Meter hoch und kam dann dreißig Meter über einer duftenden Almwiese, genau in der Mitte zwischen Berg- und Talstation, plötzlich zum Stillstand. "Bloß keine Panik!" beruhigte ich Christa, die sich jetzt an mich klammerte wie ein Ertrinkender an einen Strohhalm. "Mein Vater hat den Lift regelmäßig inspizieren lassen! Der TÜV war erst vor einem Monat da! Der Lift trägt uns spielend alle beide!" Ich hatte ihr nicht zuviel versprochen. Zwar blieben meine alpinen Notsignale, die ich während dieser Nacht zwischen Berg und Tal alle fünfzehn Minuten in die Nacht geheult hatte, ungehört, aber als die Morgensonne leuchtend über der Spechtenalm aufgegangen war, entdeckten uns zwei Gamsjäger mit ihren Ferngläsern Sie alarmierten nicht nur die Bergwacht, sondern die halbe Ortschaft Rosis Vater, der sich nach Übergabe des >König Ludwig< an seine Tochter bei meinem Vater als Liftwärter ein Zubrot verdiente, wurde aus dem Bett geholt und schaltete den Liftmotor an, unser Sessel setzte sich langsam in Bewegung. Wir fuhren zur Bergstation hinauf und dann zur Talstation herunter, und als Christa endlich schreiend von mir gesprungen war und ich meine Hirschhornknöpfe in die Knopflöcher geschoben hatte, drehte sich mein Schwiegervater langsam zu mir um und sagte nur zwei Sätze. "Perverser Saupreiß bayrischer! - Noch heute läßt sich meine Rosi von dir scheiden!" Ich zuckte mit den Schultern: "Ist schon recht!" brummte ich. "Was kann ich denn dafür, daß deine Rosi dauernd den Föhn in ihren Knien hat!" | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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