| Leseprobe aus dem Roman "Die Zeit mit Michael" | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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Zwischen zwei der hohen Kastanien auf dem Kirchenvorplatz hing ein Stofftransparent, große schwarze Buchstaben auf weißem Grund. ,Kein weiteres Atomkraftwerk an der Weser!' las sie, und das machte sie wieder nachdenklich. Kein weiteres Atomkraftwerk, das ließ an andere Kraftwerke denken, die längst Strom produzierten und Flüsse aufheizten und in denen Uran zu radioaktivem Atommüll verglühte. Als ob man einen fahrenden Zug aufhalten könnte, dachte sie, aber da kam Michael vom Kleinlastwagen und brachte die Holzkreuze, gab ihr und der Sozialarbeiterin ein Kreuz, lehnte sein Kreuz an den Informationsstand und lief zum Wagen zurück, kam mit drei großen Leinen- taschen wieder, an die er ungeschickt schmale Stoffstreifen genäht hatte, an denen man die Tasche über die Schulter oder um den Hals hängen konnte. " Jetzt brauchen wir nur noch die Handzettel", sagte er, "die verteilen wir aus der Tasche, weil wir ja nur eine Hand frei haben. Mit der anderen müssen wir das Holzkreuz festhalten. - Und immer daran denken, was auch passiert, wir dürfen uns nicht provozieren lassen! Ich habe unseren Rundgang bei den zuständigen Behörden angemeldet und den Informationsstand ebenso!" Er nahm Handzettel, die in hohen Stapeln auf dem Tisch unter dem Transparent lagen, und packte sie in die Leinentaschen, hängte erst der Sozialarbeiterin eine Tasche um den Hals und dann Christiane, für einen Moment war er ihr ganz nahe und sie hätte ihn am liebsten geküßt, aber da bückte er sich schon nach seiner Tasche und hängte sie über die Schulter, stülpte sich die Gasmaske vor das Gesicht und legte sein Holzkreuz über die Schulter. .Atomstrom - Nein danke!' las Christiane und griff nach ihrem Kreuz und im selben Augenblick nahm sie die Menschen wahr, die sich angesammelt hatten, kleine Gruppen, die neugierig zusammenstanden und sie hörte Gespräche, Wortfetzen, bissige Bemerkungen; Äußerungen, von denen Kenntnis zu nehmen sie sich weigerte. Langsam gingen sie die Klosterstraße entlang und dann die Weserstraße, schoben sie sich an den Schaufenstern vorbei auf der Kreuzstraße, zogen sie die Wallgasse entlang und den Dingelstedtwall. Vorbei an alten Häusern und Neubauten, an rohen Ziegel- mauern und reich verzierten Fachwerkfassaden, in jeder Fassade ein Schaufenster. Schaufenster von Herrenbekleidungsgeschäften und von Läden für teure Damenkleidung, von Optikern, Drogerien. Vorbei an Konditoreien und Gaststätten, den Läden von Juwelieren und Möbelgeschäften, vorbei am Rathaus am Marktplatz, das eigentlich aus zwei Häusern bestand, aus dem 16. Jahrhundert stammte, und dann langsam wieder zurück zur Klosterstraße über den Dingelstedtwall, die Wallgasse entlang und dann die Kreuzstraße und dann wieder zum Marktplatz mit dem alten Rathaus. Langsam ging sie neben Michael und verteilte Handzettel, wie er und die Sozialarbeiterin Handzettel verteilten, nahm sie Handzettel einzeln einen nach dem anderen aus der Leinentasche, ging sie auf wildfremde Menschen zu und hielt ihnen die Zettel hin. Männer und Frauen, die ihr die Zettel aus der Hand nahmen und sie einsteckten oder wegwarfen, Männer und Frauen, die zur Seite wichen, wenn sie auf sie zu ging, ihre ausgestreckte Hand mit dem Zettel einfach übersahen oder sich unwillig abwandten, während sie dicht an ihr vorbei gingen. Die Frauen waren mit ihren Einkaufstaschen unterwegs oder trugen die großen Tragetaschen der Boutiquen und Modehäuser oder des Kaufhauses, das nahe am Fluß lag und nicht weit von der alten Brücke, über die sie in die Altstadt gefahren waren. Langsam gingen sie durch die Ritterstraße und die Brennerstraße und die Bäckerstraße, Straßen, deren Bild noch mehr von den alten Häusern geprägt war, und auch hier waren Passanten, die sich dicht gedrängt an Schaufenstern vorbei schoben, vor Schaufenstern Gruppen bildeten oder sie unbeachtet ließen. Längst stand die Sonne hoch, längst schwitzte sie unter dem Plastik-Kittel, längst klebte ihr Pullover feucht vom Schweiß an ihrer Haut, und immer wieder griff Christiane in die Leinentasche, holte einen Handzettel aus der Tasche und versuchte, ihn loszuwerden, diese gleichförmige Bewegung ihrer rechten Hand, während die linke das Holzkreuz festhielt, eine linke Hand, die inzwischen schmerzte, wie ihre Schulter, gegen die der Längsbalken des Kreuzes drückte, immer wieder winkelte sie ihre rechte Hand an und schob sie in die Tasche, griff sie nach einem Handzettel und gab ihn weiter, es kam ihr vor, als ob alle 11.000 Einwohner der kleinen Stadt unterwegs wären, um am Samstagvormittag einzukaufen. Längst hatte sie aufgehört, die Gesichter der Passanten zu betrachten, längst unterschied sie nicht mehr zwischen belustigten und ernsten Gesichtern, versuchte sie nicht mehr herauszufinden, ob ein Fußgänger Gleichgültigkeit erkennen ließ oder Interesse, Spott oder Anteilnahme, und nur wenn sie gelegentlich Betroffenheit zu erkennen glaubte, betrachtete sie ein Gesicht genauer, aber das geschah nur selten, einmal, höchstens zweimal bei jedem der Rundgänge, die sie nur von Zeit zu Zeit am Informationsstand unterbrachen, wenn sie sich wieder Handzettel holen mußten, weil die Taschen leer geworden waren; die einzigen kurzen Pausen, die sie sich gestatteten, Augenblicke, in denen Michael seine Gasmaske abnahm und sich den Schweiß vom Gesicht wischte, bevor sie den nächsten Rundgang begannen, über die Klosterstraße und die Weserstraße und die Wallgasse und die Kreuzstraße und den Dingelstedtwall und die Ritterstraße und die Brennerstraße und die Bäckerstraße und wie die Straßen alle hießen. Irgendwann hörte Christiane auf, die Fußgänger als Fußgänger wahrzunehmen und die Schaufenster als Schaufenster und die Straßen als Straßen, irgendwann wurde für sie alles zu einem breiigen Strom, der sich langsam bewegte und durch den sie glitt, mal gegen die Strömung und mal mit der Strömung. Ein Strom, der Strudel bildete, sich vor den Eingängen des Kaufhauses staute und vor Verkehrsampeln. In dem sie langsam vorwärts ging mit immer derselben Bewegung, dem Griff in die Tasche, dem Heben und Ausstrecken der Hand mit dem Handzettel. Längst hatte sie sich an den Schweiß auf der Haut gewöhnt, spürte sie ihre Fußsohlen nicht mehr, dachte sie nicht mehr wie beim ersten Rundgang daran, daß sie besser andere Schuhe angezogen hätte, längst war ihr Gesicht nicht mehr krampfhaft verzerrt unter der Schminkschicht, und sie fühlte sich wie befreit von ihren Ängsten und Befürchtungen, die sie sich nur selten eingestand. Ihr Alter, der Umstand, daß sie ihr Leben mitunter für verfehlt gehalten hatte, nachts, wenn sie allein im Bett gelegen hatte und nach einem Spaziergang oder einem Konzertbesuch, die Sorge, mit der sie sich manchmal ihr Leben in zehn Jahren vorgestellt hatte, als Fünfundvierzigjährige, alles wurde belanglos. Was kümmerte sie ihr Alter und nachts war sie nicht mehr allein, und was ihre Zukunft betraf, so würde sich auch da zum richtigen Zeitpunkt alles regeln. Sie verhielt sich ja sinnvoll, sie lebte mit einem jungen Mann zusammen, dessen Interessen sie teilte und der an ihrem Leben Anteil nahm, und wenn er sie irgendwann einmal betrügen sollte mit einer Jüngeren, meine Güte, dachte sie, ich bin doch kein Kind mehr, da wird die Welt nicht untergehen. Und so ging sie neben der Sozialarbeiterin und neben Michael, zu dem sie von Zeit zu Zeit hinüber sah und dessen Augen sie hinter den Gläsern der Gasmaske zu erkennen glaubte, und wenn sie Beschimpfungen hörte und Zweifel an ihrem Geisteszustand zwischen den Fassaden der alten Häuser verhallten, ging sie noch dichter neben ihm und hätte sich bei ihm eingehängt, wenn die Tasche nicht gewesen wäre und der Kittel und das Holzkreuz, um das sich ihre linke Hand krallte, damit es nicht von der Schulter rutschte. .Lieber aktiv als radioaktiv' hatte er mit großen Druckbuchstaben auf ein Stück Pappe geschrieben und die Pappe mit Reißzwecken an den Querbalken ihres Kreuzes geheftet, aber sie hätte auch alles andere durch die Stadt getragen, wenn er es wollte, denn sie mochte ihn und es war inzwischen so weit mit ihr gekommen, daß sie nicht mehr für unvernünftig halten konnte, was er für vernünftig hielt. Sie ging vorsichtig um mit dem Wort Glück, aber wenn sie eine ehrliche Auskunft geben wollte über ihren Gemütszustand, sie hätte sagen müssen, daß sie sich lange nicht so glücklich gefühlt hatte wie jetzt als Leiche. | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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